Nach einer kurzen, aber anstrengenden Dienstreise per Bahn bzw. in verschiedenen Öffentlichen Verkehrsmitteln und nach viel zu wenig Schlaf in der Nacht zwischen den beiden Reisetagen befinde ich mich nun in der letzten Etappe der Rückreise: die U-Bahn vom Bahnhof zu meiner Zielhaltestelle.

Dieser Abend hat mir nichts mehr zu nehmen und nichts mehr zu geben als ein angebrochenes Glas Mixed Pickles und eine noch vor der Abfahrt kaltgestellte Flasche Bier – und von beidem weiß ich, dass es in meinem ansonsten eher leeren Kühlschrank auf mich wartet. Die Sonne macht sich langsam bereit zum Untergehen, aber das sieht man hier im U-Bahn-Tunnel nicht, und es ist heiß, immer noch sehr heiß für diese Zeit des Tages.

Alles, was sich öffnen lässt, steht hier auf: Fenster, Knöpfe, Schuhe, Münder, … Die wenigen Mitfahrenden hängen, egal was sie zuvor erlebt haben, ebenso schlaff wie ich in ihren Sitzen und Bänken. Manche dösen mit offenen Augen, die meisten daddeln auf ihrem Smartphone herum und wischen oder tippen mit gesenktem Blick.

Etwa drei oder vier Haltestellen nach Verlassen der U-Bahn-Station „Hauptbahnhof“ öffnen sich nun auch die Türen der Bahn ein drittes oder viertes Mal – und herein kommt eine Art Erscheinung aus einer anderen Hemisphäre. Das Wesen sieht aus wie aus dem Ei gepellt, nichts ist verschwitzt, zerdrückt oder verrutscht – alles sitzt und gehört genau dorthin, wo es sich befindet. Es handelt sich um einen Mann, und er setzt sich in Fahrtrichtung neben die Frau, die mir schräg gegenüber am Fenster sitzt, also genau mir gegenüber auf den anderen Gangplatz.

Da er noch damit beschäftigt ist, seinen Schlüssel und ein blaues Firmen-Badge mit Lanyard daran links und rechts in seinen Hosentaschen zu verstauen – etwas anderes scheint er nicht dabei zu haben – gibt er mir die Gelegenheit, ihn mit halb gesenkten Lidern zu mustern.
Nichts, aber auch gar nichts an diesem Mann fällt mir ins Auge, das nicht perfekt wäre. Selten kommt es vor, dass man außerhalb von TV und Kino Menschen im echten Leben trifft, die derart makellos sind.

Die Makellosigkeit führt aber interessanterweise nicht dazu, dass diese Person zu glatt und damit uninteressant wäre, im Gegenteil, ein fast unmerkliches, leicht ironisches Lächeln „umspielt“ seine Lippen, als er das Badge, das ihm aus der linken Tasche gefallen ist, vom Boden aufhebt und erneut in die Tasche stopft, diesmal etwas tiefer. Er hat kurze, krause und angegraute Haare und lässt sich für mich nur schwer einer „Ethnie“* zuordnen. Er ist brauner als Mitteleuropäer, aber nicht schwarz und nicht mehr ganz so jung, wie ich im ersten Moment dachte.
Seine Augen sind dunkel, aber nicht braun, die Nase ist etwas, aber nur minimal zu breit und zu platt für meinen Geschmack, aber das fällt mir erst auf, als ich ein drittes und ein viertes Mal hinsehe, froh, etwas gefunden zu haben, das den Grad der Perfektion etwas abschwächt.

Die Lippen sind voll und geschwungen, der Körper ist, wie man nicht zuletzt an den Armen unterhalb der kurzen Ärmel seines Shirts sieht, durchtrainiert und schlank. Auf dem dunkelblauen, kurzärmeligen T-Shirt des Mannes ist ein pink-roter Schriftzug zu erkennen, der irgendwas mit „United States of America“ besagt. Die Hose (keine Jeans, sondern eher Business casual) ist beige-braun und endet in perfekter Entfernung von makellos weißen Nike-Sportschuhen mit rot-blauen Applikationen, die die Farben aus dem Shirt wiederaufnehmen.

Der Mann muss schon wieder lächeln, diesmal, ohne dass ihm das Badge oder der Schlüssel aus der Tasche gefallen ist, dann zieht er ein, zwei Mal an seinem Hemd, wedelt mit dem Stoff – und spricht mich an (oder mit sich selbst). „Ist das so heiß!“, lautet die wenig originelle, aber zutreffende Aussage.

„Ja, das stimmt!“, antworte ich empathisch, obwohl es in diesem Sommer schon heißere Abende gegeben hat. – Das Deutsch meines Gegenübers weist einen leichten Akzent auf, auch diesen kann ich nicht zuordnen. Amerikanisch wie die Aufschrift auf dem Shirt ist er jedenfalls nicht.

Es folgt noch ein Satz über die (vermeintliche oder tatsächliche) Hitze, der mir die Möglichkeit gibt, die erwartungsgemäß strahlend weißen und ungewöhnlich quadratischen Zähne des Mannes in Augenschein zu nehmen.

Wir machen eine Weile Wetter-Smalltalk, und irgendwann switche ich mal probeweise ins Englische über, was der Mann so mühelos mitmacht, als sei es ihm gar nicht aufgefallen. Auch das Englisch hat diesen Akzent, der mir vertraut erscheint, den ich aber nicht greifen kann.

Okay! Ich weiß, dass man – zumal dunkelhäutige – Menschen heutzutage nicht mehr einfach fragen darf, woher sie denn kommen, weil sie einen dann verwundert oder böse angucken und etwas antworten wie: „Aus Köln, und Sie?!“ Wenn einem dann noch „Sie sprechen aber gut Deutsch!“ herausrutscht, kann man gleich einpacken und sich einen anderen Sitzplatz suchen.
Das passiert mir nicht, aber das Interesse siegt und ich traue mich zu sagen: „I know that I shouldn’t ask you, but … I would really like to know where you [originally] come from, because I cannot tell from your appearance and language.“ Das war ein ziemlich langer Satz für eine eigentlich verbotene Frage. – Er bleibt entspannt, nur das Lächeln wird breiter und gerät zu einem Lachen.

“So what do you think?“, fragt er immer breiter lachend zurück und scheint meine Verlegenheit fast ein bisschen zu genießen. „Ähm … I don’t know!“, sage ich, Zeit schindend.

“Guess!“, fordert er mich gnadenlos grinsend auf. Es gibt kein Zurück mehr.
„Hm. Maybe … Caribbean?“, antworte ich vorsichtig.
„Nicht schlecht!“, sagt er auf Deutsch, „aber noch nicht ganz. Ein paar Stunden weiter weg.“
„Bahamas?!“, ist mein zweiter Versuch, von dem ich schon weiß, dass er nicht zutrifft, nachdem ich die erste Silbe ausgesprochen habe. “So c’mon, plz tell me!“, gebe ich mich geschlagen.

„Ich bin von Kuba!“, sagt er. Kuba?! Da tauchen vor meinem geistigen Auge Roberto Blanco und Jorge González auf, aber … die sehen sich 1.) untereinander überhaupt nicht ähnlich und 2.) passt weder der eine noch der andere zu dem, was ich da ein paar Centimeter entfernt vor mir sitzen habe. Aber innerlich bleibe ich nicht einfach so ruhig auf meinem Platz sitzen, sondern sehe mich, wie Madonna und Antonio Banderas in „Evita“, diagonal von unten links noch oben rechts in einem riesengroßen Ballsaal auf gemusterten Fliesen oder spiegelglattem Parkett Tango … nein, es ist ja Kuba! … also eher: Salsa tanzen, mit perfekter Haltung und Halslinie, obwohl ich im wahren Leben eine echte Niete in Standardtänzen, auch nicht-lateinischen, bin.

Es gelingt uns, noch eine Weile halbwegs geistreich, gepflegt und zwischen Englisch und Deutsch hin- und her tanzend über die Lebensumstände und schlechten Bedingungen in Kuba zu sprechen (“no electricity, no water“) und uns über die “romantic ideas“, die wir Mitteleuropäer von Kuba haben (bunte klapprige Ami-Schlitten und verrauchte Bars in Havanna), auszutauschen.

Ich erfahre, in welchem Viertel hier in Deutschland diese Ausnahmeerscheinung wohnt, dass er in der Innenstadt, aus der wir beide gerade kommen arbeitet, und er nennt mir sogar den Namen der Company, zu der das blaue Badge gehört. Er ist einsilbig und beginnt mit einem D-, aber ich verstehe ihn nicht ganz und frage auch nicht nach.

“Do you like it in Germany?“, frage ich stattdessen, und das erweist sich als eine gute Frage, denn er überlegt eine Weile und sagt dann ohne zu lächeln: “Sometimes.“, was ich eine großartige Antwort finde.

Das Viertel, in dem er in Deutschland wohnt, liegt jedenfalls noch hinter dem, in dem ich seit kurzem lebe. Tatsächlich muss ich jetzt aussteigen und sage das auch, weiterhin auf Englisch: “I have to get off now.“
Wir verabschieden uns auf Deutsch und versichern uns noch gegenseitig, dass es “nice to meet you“ bzw. „Schön, Sie zu treffen!“ war, dann gehe ich nach hinten durch zur Tür und drücke halbherzig den Knopf für meinen „Haltewunsch“.

Ich blicke noch kurz über die Schulter zurück zu der Sitzgruppe, in der er nun alleine sitzt; die junge Frau neben ihm muss unterwegs ausgestiegen sein, ohne dass ich es bemerkt habe.
Jetzt hat er doch ein Händy in der Hand, von dem ich nicht weiß, wo er es vorher hatte, vermutlich in der Gesäßtasche, und er tippt mit beiden Daumen etwas hinein, was meine Vermutung über sein mittleres Alter bestätigt.

Als ich meine Station erreiche, blicke ich ein letztes Mal zurück. Tatsächlich hat auch er den Kopf in meine Richtung gedreht und winkt mir nochmals mit einem strahlenden Lächeln zu.

Der Abend hat offensichtlich doch mehr bereit gehalten als Mixed Pickles und ein kühles Bier. Jedenfalls sind die grellen Straßenlaternen, die in dem Moment angehen, als ich die Straße betrete, nicht hell genug und eigentlich komplett überflüssig.