Es ist Mitte, fast schon Ende September und damit herrscht Vor-Buchmessen-Zeit, was – wie ich mittlerweile als langjährige Buchbloggerin weiß – immer auch ein Stück weit mit Stress verbunden ist, denn rechtzeitig zu den beiden großen Buchmessen in Ffm. (#fbm) und in Leipzig (#lbm) möchte man und möchte ich natürlich neue Rezensionen parat und eingestellt haben.
Akkreditiert bin ich schon für die #fbm26; insofern ist hier der Druck raus, aber … es gibt noch ein, zwei Bücher, die ich unbedingt bis zu ihrem Beginn noch rezensiert haben möchte.
Das Buch, um das es mir hier gerade geht, gehört dazu. Mitte September sind naturgemäß die Sommerferien vorbei, und dieses Buch hatte ich mit im Urlaub. Ich wollte es währenddessen lesen, und weil es Ferien am Meer waren, passte es doch ganz gut, dass es ein Buch ausm mareverlag war (und eigentlich auch immer noch ist), denn die achten immer peinlich genau darauf, dass Bücher, die bei ihnen verlegt werden, einen erkennbaren Bezug zum Wasser – genau gesagt: zum Meer – aufweisen.
Spätestens jetzt fragt Ihr Euch völlig zu Recht, warum ich derart herumrede. Das liegt daran, dass ich das Buch … sagen wir mal so: … im Moment nicht „zur Hand habe“. Mit anderen Worten: Ich habe es verkrorst. Das sagt Euch nichts?! Ich muss beim Nachgucken feststellen, dass weder die Rechtschreibkontrolle noch Google das Wort „verkrorsen“ kennt. Schreibt man es vielleicht mit „h“ (hinter dem „o“)?! Nö, das ändert nichts. Ich kenne das Wort seit meiner Kindheit, für mich existiert es also – und es bedeutet so viel wie „verlegt“ oder auch: „verkrusch[t]elt“. DAS kennt Google immerhin … und es drückt aus, dass man etwas nicht mehr wiederfindet – und aktuell auch nicht weiß, wo man genau noch danach suchen sollte.
Also, DAS trifft so zu. Ich hatte besagtes Buch ja mit im Urlaub und wollte es, nachdem ich es zuhause angefangen hatte, dort in aller Ruhe, vielleicht in einem Strandkorb sitzend, zu Ende lesen. Hab‘ ich dann aber nicht, was nicht die Schuld des Buches und seines Themas ist, sondern die des Wetters. In diesem Falle: des (zu) guten Wetters, was dazu geführt hat, dass ich tagsüber eigentlich permanent draußen an der Luft war. Abends war ich dann so müde, dass ich nichts mehr lesen, sondern die Eindrücke des Tages einfach nur an mir vorbeiziehen und im positiven Sinne „verarbeiten“ wollte. Und diese Müdigkeit, die ich meine, war, glaube ich, von der Natur dessen, was man „rechtschaffen müde“ nennt. Ermüdet und erfüllt von Wind und Luft und Sonne und Bewegung und Wasser und schönen Dingen, die man tut und sieht, sodass man, kaum ist es (spät) dunkel geworden, einfach nur ins Bett fällt und schon in der nächsten Minute eingeschlafen ist.
Gut für mich, schlecht für das Buch, das die ganze Zeit auf meinem Nachtisch lag und vergeblich darauf wartete, aufgeschlagen und weitergelesen zu haben. Längst wusste ich nicht mehr, wo ich „zuhause“, dort wo die Müdigkeit meist nicht „rechtschaffen“, sondern eher „erschöpft“ ist, aufgehört hatte zu lesen. Mir fehlten schon längst die Zusammenhänge und Hintergründe und das Wissen darüber, „was bisher geschah“.
Und dann war der Urlaub vorbei, die Abreise nahte, der Koffer und der Urlaub und damit auch das unberührte Buch wurden erst gepackt und dann wieder weggestellt, und die Alltage hatten mich wieder und vergingen im Fluge, auch wenn es eine ganz andere Fluglinie war und ist als diejenige, die mich ans Meer und wieder zurück geführt hatte.
Spätestens jetzt sind wir also zurück im deutschen Frühherbst, den man bei allem Euphemismus nicht mehr „Spätsommer“ nennen kann.
Seit ein paar Tagen schon suche ich das Buch. Ich weiß noch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit (was übrigens, wie mir gerade auffällt, ein sensationelles Wort ist … „der Schein von Wahrheit“, aber … egal, ich will nicht ablenken davon, dass ich das Buch nicht mehr finde), wie es hieß: „Was wir von ihr wissen“. Es war geschrieben von einer Amerikanerin und spielt auch in den USA – und es springt zwischen mindestens zwei Zeitebenen hin und her. Eine davon waren, auch da bin ich mir sicher, die 1980er-Jahre. Und es ging um Zwillinge und deren – in der jüngsten der Zeiten verstorbene – Mutter, die Geheimnisse birgt, die nach und nach ans Tageslicht kommen.
Okay. Ich habe noch *eine* letzte Idee, wo das Buch sein könnte. Dass ich es liegen gelassen habe am Urlaubsort, schließe ich aus. Es gibt noch eine „Last minute“-Kiste, in die ich beim Packen alles hineingeschmissen habe, was noch herumlag, als die Stunde der Abfahrt nahte.
Die noch unausgepackte Kiste finde ich sofort in einer Ecke meines Kleiderschranks, darin entdecke ich etwas anderes, was ich zwischendurch schon gesucht hatte – das Buch ist aber nicht dabei.
Mit einem verbliebenen Rest von Urlaubserholung und maritimer Gelassenheit verdränge ich das physische Exemplar aus meinem Kopf und schlechten Gewissen. Dann wird halt gegooglet:

Eine Leseprobe gibt es auch, und diese bestätigt gleich mehrere Dinge: Ja, es geht um Zwillinge. Ja, es geht um das Leben der toten Mutter, die auf diesen ersten Seiten gerade beerdigt wird. Und es handelt sich sogar, wie es sich für mare gehört, um eine richtige Seebestattung.
Und: ja!, ich möchte dieses Buch weiterlesen. Nein, das stimmt so nicht. Vermutlich muss ich nochmals ganz von vorne anfangen, denn ich weiß nicht mehr, worum es genau ging und was es mit den Zwillingen und deren Eltern auf sich hat.
Also … der Herbst naht. Ich werde nicht „müde“ (!) werden (jedenfalls nicht „rechtschaffen“), bis ich mein Exemplar wiedergefunden habe, irgendwo zwischen Papierstapeln und Büchertürmen, vielleicht auch zwischen gefalteten und wieder in den Schrank gelegten Kleidungsstücken … oder ganz woanders „verkruschelt“ halt. „Was wir von ihr wissen [wollen]“ wird also nachgereicht.
Rebecca Fallon, Was wir von ihr wissen. Hamburg: mareverlag 2026. Roman. Übersetzt von Juliane Zaubitzer. ISBN 978-86648-752-9, EUR 25,–. Originalausgabe © 2025 unter dem Titel “Family Drama“ bei The Borough Press, einem Imprint von HarperCollinsPublishers Ltd, London, wobei ich „Was wir von ihr wissen“ den schöneren und geheimnisvolleren Titel finde.
