Komm, das Buch ist so dünn, das schaff‘ ich noch bis morgen, wenn die Frankfurter Buchmesse beginnt. 107 Seiten, und dass sie besonders sind, fällt einem sofort ins Auge.

In dem Buch wird ein Taubenblau als Schmuckfarbe verwendet. So wenig ich Tauben als solche mag, so sehr mag ich Taubenblau. Das müsst Ihr Euch ansehen: Es gibt sogar einzelne, invers gedruckte Wörter in Weiß, die auf einem taubenblauen Hintergrund stehen. Und einige wenige Seiten mit Zitaten sind komplett taubenblau hinterlegt, mit weißer Schrift darauf.

Es gibt – in einer Marginalspalte – Literaturhinweise … in Taubenblau.

Kurz: Das Innere des Buches ist eine Augenweide. Da kann der Text gar nicht viel kaputt machen. Tut er auch nicht, obwohl er nicht leicht zugänglich ist. Das Buch besteht aus zwei Teilen = Reisen. Reise 1 ist die „Sommerreise“, auch „Im Radioraum“ genannt. Teil 2 bzw. Reise 2 ist die „Winterfahrt“ bzw. N.N., noch namenlos. Laut Untertitel führen beide Reisen in die Arktis. Was das Ganze mit einem „Radio“ zu tun hat, kann ich noch nicht sagen. Immerhin heißt das Buch „Radio Silence“. Ob es für ein Radio zielführend ist, wenn es „Stille“ sendet, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht beantworten.

Jetzt muss ich erstmal rauskriegen, worum es hier genau geht. Der Klappentext muss herhalten. Klingt etwas „prätentiös“: „Sie will Zeugnis ablegen von arktischer Schönheit und Zerbrechlichkeit, ist auf der Suche nach unserer Verbundenheit mit diesem gefährlichen Lebensraum.“ Wer ist bitte diese „sie“?! Ah, okay, „die Autorin“, also Ulrike Draesner. Sie macht diese beiden Schiffsreisen, die eine, im Sommer, nach Spitzbergen, die andere, im Winter, durch die norwegischen Fjorde. Klingt mystisch.

Die Sprache ihrer beiden Essays (das Sommer- und das Winter-Essay) sei „naturdurchlässig“, heißt es. Was um-alles-in-der-Welt ist eine „naturdurchlässige Sprache“?! Wachsen da Flechten und Ranken ins Buch hinein – oder die milchige nordische Sonne leuchtet die Seiten aus?!

Der Himmel will noch nicht so recht aufreißen über mir und diesem Buch. Ich schaue mal, ob ich mich über die Autorin nähern kann, denn ihr Name sagt mir was. Ulrike Draesner ist 1962 in München geboren, also älter als ich und ist für „Radio Silence“ 2020 mit dem „Deutschen Preis für Nature Writing“ ausgezeichnet worden. Aha, ich wusste bislang gar nicht, dass es …
1.) überhaupt sowas und
2.) auch gleich einen passenden Preis dazu gibt.

Frau Draesner wohnt da, wo gefühlt fast alle Literaten wohnen oder zumindest mal eine Zeitlang gewohnt haben, in Berlin. Vermutlich in einer Altbauwohnung mit knarrenden Dielen, hohen Decken und/oder abgenutztem Schiffsparkett.

Ach so, jetzt verstehe ich, dieses Taubenblau ist gar kein Taubenblau, sondern … Eisblau.

Okay, ich seh’s ein. Dieses Buch kriege ich, ca. 100 Seiten hin oder her, heute Abend und so kurz vor knapp (#fbm26) nicht mehr geknackt.

Womit wir im Inneren des Bändchens wären. Eine Rätselfrage, die der Autorin als Grundschulkind mal gestellt wurde, lautete: „Was hat noch nie jemand vor dir auf dieser Welt gesehen?“ Und die durchaus philosophische Antwort war: „Das Innere der eben von dir geknackten Nuss.“ Das spornt mich dann doch an. Diese Nuss werde ich also noch knacken. Nicht jetzt. Nicht mehr heute.

Am Ende der zweiten Reise, im Winter, und ganz am Ende des Buches beginnt die Autorin zu schreiben. „Schaut: Eine [erste] Walfinne schiebt sich aus dem Wasser. Schiebt euch [bzw. „dir“, lt. U4] die Freude, dass es Leben gibt, ins Herz.“ Da ist es noch nicht angekommen, dieses Buch, aber eine Schneise ins Eis hat es schon geschlagen. Und das mit dem stillschweigenden Radio finde ich auch noch heraus, bevor das Eis schmilzt.

Ulrike Draesner: Radio Silence. Hamburg: mareverlag © 2026, 112 Seiten (insges.), ISBN 978-3-86648-781-9, EUR 20,00 (D) bzw. 20,60 (A).