Es ist mal wieder Bahnzeit. Konkret heißt das, dass ich mal wieder zu viel Zeit für zu wenig Bahn habe.
Dabei habe ich mich so beeilt, um rechtzeitig am Bahnhof zu sein. So sehr, dass ich noch nicht einmal Zeit hatte, um vor dem Loslaufen in den Navigator zu gucken. Sonst hätte ich gewusst, dass ich mich gar nicht zu beeilen brauche, denn mein ICE (angesichts des „hohen Besucheraufkommens“, das erwartet werden kann, mit reserviertem Sitzplatz im Wert von 5,50 EUR) hat über 30 min. Verspätung.
Somit bin ich, weil ich mich doch sehr beeilt habe, ca. 35 min. zu früh am Bahnhof – und zu früh, um schon aufs zugige Gleis zu gehen und dort weiterzuwarten. Die Stadt ist groß und international, dasselbe gilt, in jeder Hinsicht, für ihren Hauptbahnhof.
Coffee?! Nee, nicht noch einen. Bahnhofsbuchhandlung?! Och, nö! Nachdem ich nun drei Tage am Stück sozusagen nonstop Kaffee getrunken sowie Bücher & Co. angeguckt habe, steht mir der Sinn nach allem, nur nicht nach noch mehr Kaffee und Büchern to go. Zumal die Buchhandlung anlassbezogen und außerdem am späten Freitagnachmittag rappelvoll ist.
Ich bin unschlüssig und blicke mich suchend um. „Lost and found“ – dieser Schriftzug über einer Art umgewidmeten Ladenlokal springt mir in die Augen, und ich frage mich kurz, ob denn jeder, wirklich jeder deutschsprachige Mensch hier am Bahnhof weiß, was das heißt. Ein „Fundbüro“ unmittelbar vor meinen Augen, das könnte doch was sein, um meine verlorene Zeit sinnvoll zu nutzen.
Direkt in dem Sinne „verloren“ habe ich (hier) zwar nichts, jedenfalls nichts Gegenständliches, aber … vielleicht haben die Mitarbeiter dort ja auch Zeit „totzuschlagen“ und freuen sich über jedwede Ablenkung, und wenn es nur ein kleiner Plausch mit einer Wartenden ist.
Also steuere ich so zielgerichtet, wie es in der Menschenmenge möglich ist, auf das Fundbüro zu. Das bedeutet, dass ich mir quer zu den beiden entgegengesetzten Laufströmen einen Weg bahnen muss, was ein paar böse Bemerkungen und Blicke nach sich zieht.
Bevor ich es mir anders überlege und die Tür zu diesem verglasten Büro mit Ladentheke darin öffne, werde ich auch schon angesprochen: „Passen Sie bloß gut auf Ihre Sachen auf!“
Die dazugehörige Person ist weiblich, recht klein, ein wenig beleibt und wirkt nervös, aber ungefährlich.
„Ja, danke“, will ich sie abwimmeln und weitergehen, aber sie hat ein starkes Mitteilungsbedürfnis und Sendungsbewusstsein und fährt fort: „Mir ist nämlich mein Rucksack geklaut worden.“
Das finde ich immerhin so bemerkenswert, dass ich stehen bleibe und mich frage, warum sie dann nicht bei der Polizei oder wenigstens *im* Fundbüro steht, sondern, bei geschlossener Tür, davor. Aber auch das kann mir die fast noch junge Frau beantworten, bevor ich es laut ausgesprochen habe: „Mein Rucksack wurde gefunden und hier abgegeben – die eine Mitarbeiterin holt ihn jetzt grade ausm Lager, und ich soll hier warten.“

Das klingt schlüssig und die Bestohlene so, als habe sie noch alle sieben Sinne beisammen. Nur, dass sie sehr aufgeregt ist und entsprechend schnell und atemlos spricht.
„Na, da haben Sie aber Glück gehabt, dass der Rucksack hier abgegeben wurde“, werfe ich in einer Redepause ein.
„Eigentlich schon“, geht die Geschichte weiter, „aber mein Portemonnaie, mein Ausweis, meine Wohnungsschlüssel und mein Händy waren wohl nicht mehr drin … alles weg! 600 EUR Bargeld – und am schlimmsten ist das mit dem Händy, weil …“
Hier muss ich sie unterbrechen, denn ich finde 600 EUR Bargeld echt viel, und möchte mehr darüber wissen: „Wieso hatten Sie denn, wenn ich fragen darf, so viel Bargeld dabei?“
Auch hierauf hat sie eine plausible Antwort: „Ich habe an dem Tag auf dem Flohmarkt verkauft, und das waren meine Tageseinnahmen. Ich wollte nur schnell was ausm Auto holen. Das stand direkt am Stand, aber in *dem* Moment hat jemand den Rucksack geklaut. Der stand auf meinem Stuhl am Stand und …“ Bevor ich Luft holen und unterbrechen kann, spricht sie auch schon weiter, mit wiedererwachender Entrüstung: „Das war ein Rumäne oder ein Bulgare oder sowas [sic], hab‘ ich noch gesehen.“ Unter Vermeidung des verbotenen Z-Worts erzählt sie weiter. Ich merke, dass es mir an dieser Stelle etwas zu ausführlich wird und habe die Idee, ins Büro hineinzugehen, inzwischen sowieso aufgegeben. Meine Story habe ich bekommen, und sie ist mir jetzt auch lang genug.
Ein paar Details muss ich mir noch anhören. Das Schloss an ihrer Wohnung habe sie sofort austauschen lassen. Das Auto gehöre eigentlich ihrem Vermieter und zugleich Nachbarn. Das Händy mit allen Kontakten und Fotos sei weg. Es seien – hier horche ich nochmals kurz auf – leider auch ein paar Bilder dabei, die man sonst so nicht jedem zeigen würde. Aha! Das kann ich nicht so recht mit dieser sehr unauffälligen und eher mäßig attraktiven Person zusammenbringen, aber es ist ja ohnehin eine Legende, dass nur gutaussehende Menschen ein spannendes Privatleben führen. Wir vertiefen dies nicht weiter, sondern sie erzählt noch von gesperrten Karten, nervigen Behördengängen, ihrem verständnisvollen Vermieter, der sie abgeholt hat am Ort des Verbrechens – und dass der Dieb, fast schon ein Räuber, die 600 EUR vermutlich dringend benötigt.
Das finde ich eine sehr noble Haltung zum Beklaut-Werden, und so aufgeregt, wie sie ist, scheint sie das ernst zu meinen und nicht einfach nur so gesagt zu haben. Ich überlege, ob der benachbarte und so hilfsbereite Vermieter etwas mit den nicht vorzeigbaren Fotos zu tun haben könnte, aber das bleibt das Geheimnis des Verbrechensopfers.
Jetzt, wo alles Wesentliche erzählt ist und ihr einmal sogar, als sie von sich selbst in der 3. Person (immerhin) Singular sprach bzw. sich in der 2. Person/Höflichkeitsform selbst rückblickend ermahnt, ihr eigener Nachname herausgerutscht ist („Frau xy, Sie hätten besser aufpassen müssen!“), hat unser Gespräch spätestens eine zirkuläre Struktur erreicht (vgl. ihre Ansprache zu Beginn), und sie hat wieder Kapazitäten frei, um sich darauf zu besinnen, dass sie in mir ja so etwas wie einen Gesprächs- oder zumindest Ansprechpartner hat.
„Und was machen Sie hier beim Fundbüro?“, fragt sie, höflich oder tatsächlich nun interessiert.
„Och“, sage ich wahrheitsgemäß abwiegelnd, „ich habe hier gar nichts verloren, aber ich bin Bloggerin und wollte mich ein bisschen informieren. – Aber das ist ja jetzt nicht mehr nötig.“
Das gilt sowohl für mein Erkenntnisinteresse als auch für die mittlerweile fortgeschrittene Wartezeit, die gar nicht mehr weiter totgeschlagen werden muss.
„Oh, Bloggerin!“, ruft die Bestohlene beeindruckt. „Mode?!“ – Ich blicke von oben herunter an mir herab und betrachte, geschmeichelt, kurz meine Kleidungsstücke, die ich maximal nur 1x im Jahr und zu gegebenen Anlässen trage. „Nein, nein, Reisebloggerin!“ Das mit der Literatur lasse ich in der Regel weg, das ist den meisten Leuten zu kompliziert, und hier am quirligen Zentralbahnhof der Messestadt gibt man sich mit dem „Reise“-Motiv vollauf zufrieden.
Bevor ich selbst eine “[pre]closing sequence“/Abschlussformel finden muss, kommt mir die Mitarbeiterin des Fundbüros, die im Lager nachgucken war, im wahrsten Sinne des Wortes entgegen. Sie hält triumphierend einen kleinen, violetten Rucksack in die Luft, der von außen völlig intakt aussieht.
„Oh, mein Rucksack!“, freut sich die Besitzerin mehrmals, und ich glaube, noch selten ist ein unspektakulärer Taschenrucksack mit so viel Euphorie begrüßt worden. Jetzt, wo Diebesgut und Besitzerin, wenn auch unvollständig, wieder zusammengeführt sind, muss ich tatsächlich zum Zug und sage das auch.
„Passen Sie bloß gut auf Ihren Rucksack auf!“, werde ich nochmals ermahnt, und bekomme noch einen wohlmeinenden Hinweis auf dessen Marke mit, die ja darauf schließen lasse, dass auch der Inhalt hochwertig sein könnte. Das ist eine völlig neue Sicht auf meinen schwarzen Handtaschenrucksack, den ich sehr günstig erschnappt habe, die immerhin dazu führt, dass ich ihn auf dem Weg zu Gleis 8 vorsichtshalber nicht aufschnalle, sondern fest in der Hand behalte.
Frau H. (so viel sei verraten) winkt mir noch nach, aber dann ist sie schon wieder ganz in ihren eigenen Rucksack vertieft, wohl in der Hoffnung, dass sich doch noch unerwartet ein Stück Diebesgut darin findet, und wenn es nur der Wohnungsschlüssel wäre, den sie jetzt wegen des ausgetauschten Türschlosses gar nicht mehr gebrauchen kann.
An einem Buchmessenfreitag im Oktober fast so passiert bzw.: Hätte so passieren können
