Der Sommer ist vorbei. Die Frankfurter Buchmesse auch. Der Herbst, der sich häufig zum Bookfair nochmals mit Spätsommersonne zwischen den Schatten werfenden Hallen aufbäumt gegen das Vergehen, hat Einzug gehalten.

Doch mein „Sommer auf Perigo Island“ liegt noch ungelesen und unberührt auf meinem Schreibtisch. Ich habe keine Ahnung, wo dieses Eiland liegen soll. Der Name „Perigo“ klingt irgendwie … hm … mexikanisch vielleicht.
Nein, stimmt nicht! Perigo Island liegt in Newfoundland, und wo das ist, weiß ich: Neufundland ist in Kanada, ganz im Osten, also am Atlantik, d.h.: Das Originalbuch ist also auf Englisch, und es ist einigermaßen bescheuert, dass ich es jetzt in der Übersetzung ins Deutsche lese. Na gut, jetzt habe ich es halt einmal auf Deutsch vorliegen, also wird es auch auf Deutsch gelesen, zumal ich zu der Stadt, aus der Claudia Feldmann, die Übersetzerin, kommt, eine Beziehung habe.

„NeuFundLand“ … das ist doch schon allein als Wort toll und verheißungsvoll. Dicht gefolgt von „NeuSeeLand“, um das es heute hier aber nicht geht, obwohl es noch mehr eines meiner SehnSuchtsLänder ist als das neu gefundene Land.

Es geht auf und bei Perigo Island um den summer of ninety-one (1991), und die Hauptperson, der 12-jährige Pierce, ist der im Erwachsenenalter rückblickende Ich-Erzähler, der in den (Sommer-)Ferien zusammen mit seinen Freunden Bennie und Thomas in das raue Leben der Fischer eintaucht. Aber noch viel mehr geht es um das Mädchen Anna, das sich dadurch auszeichnet, dass es gern mal weggeht oder verschwindet. Schließlich sogar für immer, bevor Pierce sie näher kennenlernen kann.

Schon jetzt bedauere ich, dass ich das Buch nicht doch schon im Sommer, sozusagen in Echtzeit, gelesen habe, denn ein Sommer am Meer (erst recht am At– … Moment mal!, wenn das im Osten von Kanada spielt, dann ist das ja gar nicht der Atlantik, sondern der Pazifik … und den finde ich noch geheimnisvoller und mystischer als den Atlantik) ist doch was ziemlich anderes als ein Herbst oder gar Winter am Meer.
Tausende Seemeilen und Landkilometer entfernt vom Ort des Geschehens und dann auch noch in der falschen Jahreszeit, mit einem völlig anderen Beruf als dem des Fischers, in einem anderen Lebensalter, mit einem anderen Geschlecht und zu einer anderen Zeit fällt mir der Zugang erst einmal schwer. Ist schon eine Weile her, dass ich ein zwölfjähriges Mädchen war, aber weil Pierce zwölf ist, vermute ich eine Art Coming-of-Age-Roman – und albernerweise ein bisschen was von „Moby Dick“ bzw. „Der [alte] Mann / Junge und das Meer“. Vielleicht sollte man das mit den Vorerwartungen auch nicht überstrapazieren und dem Buch jetzt einfach mal eine Chance geben.

Manchmal, wenn sich ein Buch nicht gleich von ganz alleine öffnet, schlage ich es mittendrin auf gut Glück auf – und gucke mal, wo ich lande und was es mit mir macht. Die Seite 133 ist so ein Glücksgriff: Anna, die Pierce fasziniert hat, ist bereits verschwunden, und seine Mutter, deren Mann und Pierces Vater nicht mehr lebt, versucht ihren Sohn darauf vorzubereiten, dass (auch) Anna nie mehr wiederkommt.
„Pierce, ich weiß, du machst dir Sorgen um sie. […] Anna ist jetzt seit sechs Tagen verschwunden, und wir müssen damit rechnen, dass sie vielleicht nicht zurückkommt.“ (Seite 133)
Pierce, der Einzelkind ist und bereits den Verlust des Vaters, der „auf See verschwand“, verkraften musste und darauf u.a. mit Angst vorm Wasser reagiert, hat überhaupt keinen Sinn dafür, einen weiteren Menschen zu verlieren, an dem er hing … nein, hängt, denn noch möchte er es noch nicht wahr haben, dass Anna ,verschwunden‘ sein könnte. Menschen ,verschwinden‘ doch nicht einfach so.
Die gut gemeinten Worte der Mutter erscheinen ihm „so salzig wie der Seetang, den sie in die Erde legte“. (Seite 134) Pierce will davon nichts hören. Dass die Mutter den Verlust seines Vaters mit dem (vermeintlichen/mutmaßlichen) Verlust von Anna gleichsetzt, kommt ihm so vor, als sei er „zwischen zwei Stürme geraten“. Es ist mehr, als er ertragen kann.
Mit „Du brauchst mehr Seetang“ schneidet er seiner Mutter das Wort ab – und die beiden widmen sich wieder schweigend ihrer maritimen Tätigkeit. – In dem Moment hat sich das Buch den Schlüssel zu meinem Herzen gebahnt. Noch ist erst eine schmale Wasserrinne entstanden, doch das Meer und die Wellen werden dafür sorgen, dass diese mit jedem Wellenschlag breiter wird.

Perry Chafe, Sommer auf Perigo Island. Roman, 272 Seiten. Aus dem kanadischen Englisch ins Deutsche übersetzt von Claudia Feldmann. Hamburg: mareverlag 2026. Originaltitel: Closer by Sea, was ich, mal wieder, schöner finde als die Übersetzung, aber vlt. sollte damit gleich das Setting transportiert werden. ISBN: 978-3-86648-720-8, € 24, – [D]/€ 24,70 [A] ((Die Österreicher zahlen also eine Art „Meereszuschlag“.)) Dass es sich um ein sog. „Leseexemplar“ handelt, habt Ihr ja schon auf der Coverabb. gesehen und sei hiermit (nochmals) gesagt.