Ja, er ist es! Nach über 30 Jahren hat Bianca ihre Jugendliebe wiedergefunden, ohne sie wirklich gesucht zu haben. Aber was heißt schon „Jugendliebe“?! Gerade Anfang 20 war Bianca, als sie ihn kennenlernte. Und er war „ihre erste große Liebe“. Sie weiß, dass das umgekehrt beziehungsweise seinerseits nicht so war, was auch, aber sicherlich nicht nur daran lag, dass er ein paar Jahre älter und schon in einer anderen Lebensphase war als sie.
Während sie dem bestandenen Abitur näher war als dem Studienabschluss, stand er bereits etabliert in einem technischen Beruf.

Und jetzt sendet Bianca ihm eine „Freundschaftsanfrage“ via Facebook. Als ob sie schon wüsste, dass sie seine Freundschaft will.
Sie überlegt eine ganze Weile, wie sie die Anfrage formulieren soll. Seltsam genug, dass man eine Freundschaft überhaupt anfragen können soll.
Schließlich entscheidet sie sich für „neue Sachlichkeit“.
Den genauen Wortlaut kenne ich nicht; er ging, wie sie erzählte, so in Richtung: „Hallo, xy! Ich habe Dich zufällig hier auf Facebook gefunden und würde mich freuen, wenn Du Dich mal bei mir melden würdest nach all den Jahren, falls das für Dich in Ordnung ist.“

Kaum hat sie die Return-Taste gedrückt, beginnt das Warten. Wird er antworten? Was wird er antworten? – Sie ruft ihre beste Freundin an und berichtet ihr haarklein, was sie bis dahin erlebt bzw. eher *nicht* erlebt hat. Die Freundin ist sehr skeptisch und sagt irgendwas von „Aufgewärmtes schmeckt selten gut!“ Aber Bianca will nichts „aufwärmen“. Sie hat keinen Plan – und den verfolgt sie nun intuitiv.

An dieser Stelle komme ich ins Spiel. Zu dem Zeitpunkt kennen Bianca und ich uns nur oberflächlich. Wir sind im weitesten Sinne Nachbarinnen. Zufällig treffen wir uns im Wartezimmer desselben Frauenarztes. Wir blättern beide in Frauenzeitschriften und sind die einzigen anwesenden Patientinnen.
Irgendwann lacht Bianca laut auf. Ich blicke hoch und wir sehen uns in die Augen.
„Was ist denn so lustig?”, frage ich sie.
„Ach, hier ist ein Artikel über aufgewärmte Lieben drin. Der erinnert mich an das, was mir grade passiert ist.“

Und sie erzählt. So lange, bis die Sprechstundenhilfe den Kopf in die Tür steckt und mich hineinruft.
Ab jetzt gehöre ich wohl zu Biancas wenigen Vertrauten. Mit ihrer Geschichte geht sie ansonsten nicht hausieren.

Zwei, drei Tage vergehen. Nichts passiert. Bianca googlet ein bisschen weiter. Aha, es gibt einen Eintrag seines Nachnamens im Telefonbuch. Vier Vornamen dazu: seiner, ein weiblicher, zwei männliche. Obwohl der weibliche Vorname exotisch ist und die nicht-mitteleuropäische Herkunft seiner Trägerin verrät, ist er Bianca ein Begriff, handelt es sich doch um den Vornamen derselben damals jungen Frau, die es schon in seinem Leben gegeben hatte, als er Bianca auf einer Reise zufällig im Zug kennenlernte. Und es war derselbe Name und dieselbe Person, wegen der die sich anschließende Fernbeziehung zwischen ihr und ihm nach einigen Monaten, in denen sie sich nur ein paar Mal live gesehen hatten, auseinander gegangen war. Bianca kann und konnte nur vermuten, dass eben dieser Name und diese Person auch während ihrer gemeinsamen Zeit die ganze Zeit da gewesen war, aber sie hatte ihn nie danach gefragt und war der anderen auch nie begegnet.
Irgendwie gefällt ihr der Gedanke, dass er diese Frau „immerhin“ damals geheiratet und mit ihr zwei Kinder bekommen hat – dann war sie zumindest ein gewichtiger Grund für die Trennung gewesen.

Bianca macht Google-Bildersuche. Von ihm gibt es kein Foto.
Von seiner Frau gibt es zwar nur eins, aber es ist neueren Datums und aussagekräftig. Die Frau, die Bianca von einem Porträtfoto anlächelt, ist sympathisch. Ihr Aussehen entspricht dem Alter, das sie heute hat – nicht älter, aber auch keinen Tag jünger. Und: Sie sieht recht kräftig und burschikos, fast ein bisschen männlich aus. Bianca ist überrascht, hatte sie doch damals ein Wunder an Anmut und Schönheit hinter ihrer „Vorgängerin“ und zugleich „Nachfolgerin“ und, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, auch „Parallelfrau“ vermutet.
Dem ist nicht so. Es handelt sich um ein Wesen aus Fleisch und Blut, nicht von einem anderen Stern.

Bianca wiederholt die Kontaktanfrage an ihre „alte Liebe“ jetzt auf LinkedIn. Dort findet sie auch eine verwertbare Angabe zu seiner Arbeitsstelle. Mithilfe dieser Information versucht sie, auf der Homepage seiner Firma eine E-Mailadresse zu finden, was ihr nicht gelingt. Immerhin findet sie die allgemeine „Extension“ der Firma, für die er arbeitet, und die Länderkennung.

Endlich! Er hat die Kontaktanfrage auf LinkedIn angenommen. Allerdings wortlos, ohne Kommentar.
Während Bianca überlegt, was er ihr damit wohl sagen will – falls er damit überhaupt etwas sagen will –, stellt sie sich vor, wie ihr Leben wohl verlaufen wäre, wenn sie auch für ihn die oder wenigstens *eine* große Liebe gewesen wäre und sie und er zusammengeblieben wären.
Es gibt zwar keine offizielle Maßeinheit für Liebe, aber viele Adjektive bzw. Gegensatzpaare, mit der man eine Liebe beschreiben kann: alt oder neu, groß oder klein, leidenschaftlich oder sachlich. Es gibt die erste und vielleicht auch eine letzte Liebe. Es gibt Sommerlieben … und vor allem gibt es die *eine* große Liebe des Lebens. Wenn man sie denn trifft und als solche auch erkennt.
Bianca ist beruflich in einem internationalen Umfeld tätig, und insofern denkt sie darüber nach, was Sprachen uns über das Konzept von Liebe erzählen. Im Englischen und im Französischen fällt man in Liebe … oder auch *darüber*. Das ist schön, denn es zeigt die Kopflosigkeit und fast Tolpatschigkeit des Verliebtseins, aber eben auch die unkontrollierbare Zufälligkeit.
Im Deutschen sieht das schon anders aus. Da verliebt man vor allem mal sich (selbst) und weniger den einmaligen Menschen, in den man sich verliebt.

Wie wohl ihr „Was wäre gewesen, wenn …?“-Liebesleben verlaufen wäre?
Wäre sie, wie es offenbar seine Noch-immer-Frau damals gemacht hat, aus ihrer Heimat in seine Gegend und zu ihm gezogen?
Hätte sich ihrerseits und andererseits das Gefälle und der ebenso gefühlte wie emotionale Bedeutungsunterschied zwischen ihnen beiden irgendwann nivelliert?
Hätte sie sich daran gewöhnt, dass er so gut aussah, dass er auch, wie sie heute ja weiß, Schauspieler hätte werden können? Oder hätte sie weiterhin mit dem Gefühl der optischen und beruflichen Unterlegenheit an seiner Seite gelebt?

Der Ausspruch „Der oder keiner!“ ist ja, wie ihr jetzt erst auffällt, doppeldeutiger, als er auf den ersten Blick aussieht. Er bedeutet natürlich vordergründig, dass man DIESEN und keinen anderen Menschen „erwählt“ und in seinem oder ihrem weiteren Leben haben möchte. Er kann aber auch bedeuten, dass man, wenn man diesen einen nicht für sich „gewinnen“ kann, keinen anderen mehr will … oder „bekommt“.

Damals hatte sie eine Weile mit dem Gedanken gespielt, die Stadt, in der sie geboren und aufgewachsen war, für ihn und seinetwegen zu verlassen und in seiner Nähe weiterzustudieren. Selbst zu dieser Zeit war sie so vernünftig gewesen, dass sie nicht gleich mit ihm hätte zusammenziehen wollen. Nein, sie träumte von einem kleinen Student*innenzimmer in der idyllischen Universitätsstadt gar nicht weit von dem Ort, in dem er lebte.

Ihre Gedanken verlieren sich in Erinnerungen an verschiedene erste Male, die sie mit ihm erlebt hat. Damit meint sie: erste Male für *sie*, nicht unbedingt für ihn. Ihr genügen die Finger beider Hände, um diese ersten Male zu zählen. Das entscheidende erste Mal war auch dabei.

Obwohl die wortlose Annahme ihrer LinkedIn-Kontaktanfrage nicht gerade überwältigend ermutigend ist, beschließt Bianca, ihm eine E-Mail zu schreiben. Beim Versenden probiert sie verschiedene Kombinationen aus:
vorname-Punkt-nachname@[Firmenname]-Punkt-Länderkennung
Erster Buchstabe des Vornamens-Punkt-[und so weiter]
vornamenachname@[usw.], sogar die unwahrscheinliche Möglichkeit nachname-Punkt-erster Buchstabe des Vornamens

Es hagelt Fehlermeldungen in ihrem E-Mail-Account. Es sind exakt so viele, wie sie Kombinationen ausprobiert hat – minus 1! Strike!
Kaum eine Stunde später kommt eine Antwort. Sie ist kurz und unpersönlich, aber immerhin kommt sie schnell.

Bianca freut sich. Ein Hauch von Vergangenheit und einem anderen Leben umweht sie, als sie am nächsten Tag antwortet. Sie wundert sich, dass sie nicht lange überlegt, sondern ihre Antwort unzensiert abschickt, ohne 3x darüber nachzudenken.

Nebelschwaden aus einer lange zurückliegenden Zeit um- und belagern ihre Erinnerungen.

Seine Antwort, diesmal etwas länger, aber immer noch klirrend unpersönlich und vollständig klimaneutral, lässt nicht lange auf sich warten. Trotz dieser Neutralität ertappt sich Bianca bei dem Gedanken, dass sie ihn nun wohl „am Haken hat“, ein unschönes Bild, das sich ihr aber unwillkürlich aufdrängt, weil sie weiß, dass er früher gern geangelt hat.

Am Anfang möchte er ihr kein Foto senden und schreibt ihr das auch so. Aber dann kommt plötzlich, kurz darauf, eine Mail mit Anhang. Er sieht aus wie eine ältere Ausgabe des jungen Schauspielers, der das alles ins Rollen gebracht hat: ein paar Falten, etwas weniger Haare, seine Ohren und Nase scheinen etwas größer als früher; er hat wohl auch ein bisschen zugenommen, aber nicht viel.

Der Rest ist schnell erzählt.
In den nächsten Tagen und Wochen werden die E-Mails länger, häufiger und mit jedem Mal ein paar Grad wärmer und intensiver.
Ein oder zwei Mal passiert sogar etwas, was Bianca früher nicht für möglich gehalten hätte: *Sie* gerät mit dem Schreiben in Verzug … Zwei unbeantwortete Mails liegen in ihrem Postfach, und sie kommt nicht nach mit dem Zurückschreiben. Sie haben sich etwas zu sagen.

Und noch etwas Unerwartetes passiert: Irgendwann unterschreibt er zum ersten Mal eine Mail mit einer Abkürzung, einer Kurz- oder sogar Koseform seines Vornamens – sie endet auf -i. Auf Nachfrage erklärt er ihr, dass dies der Name sei, den seine Vertrauten für ihn verwenden.

Obwohl die Mails – und irgendwann auch Kurznachrichten via Smartphone – immer zutraulicher und vertrauter, aber zu keinem Zeitpunkt „anzüglich“ oder gar „schlüpfrig“ werden, kommt es nie zu einem Telefongespräch. Aus heutiger Sicht denkt sie, dass die Vertrautheit sogar größer ist, als sie es während ihres Zusammenseins vor vielen Jahren jemals war.
Einmal findet sie auf ihrem Handy die Meldung, dass sie einen Anruf von ihm hatte. Tatsächlich hat sie diesen verpasst, hätte aber in dem Moment sowieso nicht ans Telefon gehen können. Sie nimmt sich vor, ihn aus Selbstdisziplin und Vernunftsgründen erst in der kommenden Woche zurückzurufen. Irgendwie möchte sie diesen Moment herauszögern und die Vorfreude und Spannung noch ein bisschen genießen.

Doch es ist zu spät. Dazu kommt es nicht mehr.
Bevor dieser Moment eintritt und sie nach über dreißig Jahren das erste Mal wieder seine Stimme hört, erhält sie eine kurze Textnachricht, deren unerwarteter Inhalt sie kalt erwischt: Völlig überraschend, knackig kurz und seinerseits offenbar schmerzlos teilt er ihr mit, dass er ihr nicht mehr schreiben wolle und dass er sich freue, von ihr gehört zu haben. Punkt. Kein Name auf –i. Nein, gar kein Name. Ein formvollendeter Rauswurf.

Fortsetzung: siehe „Sentimentalitäten in Krisen-Zeiten“, Teil 3