Typ 1: Die Flachwurzlerin

Hätte man sie vor ein paar Monaten gefragt, …

… ob sie mal Pendlerin sein möchte, hätte sie vermutlich „Nein!“ gesagt. Aber jetzt ist es so gekommen – und sie hat sich, nach anfänglichen Schwierigkeiten, ganz gut damit arrangiert. Jedenfalls besser als ihr Partner, der am gemeinsamen Hauptwohnsitzort wohnt und dort einen Job hat, den man nicht einfach so aufgeben kann.

Berufsbedingt ändert sich der Einsatzort der „Flachwurzlerin“ häufiger, ihre Anwesenheit dauert aber immer gerade so lange, dass es zu kurz ist, um wirklich an diesem anderen Ort anzukommen, aber zu lang, um nur von einem „vorübergehenden Aufenthalt“ zu sprechen.

Die „Flachwurzlerin“ hat aus dieser (so nennt sie es:) „Situation“, die sie mittlerweile nicht mehr als „Not“ empfindet, eine Art „Tugend“ zu machen versucht: Sie schlägt Wurzeln – was bleibt ihr auch anderes übrig?! –, aber nie tief. Wie ein Baum, der sich nicht zu weit verzweigt und nicht zu tief unter die Oberfläche wagt, wurzelt sie flach und nicht zu dick. Damit das Umpflanzen reibungslos gelingt, denn dass es dazu kommt, dass sie erneut umgepflanzt werden wird, gilt als so gut wie sicher.

Bis es soweit ist, bepflanzt die „Flachwurzlerin“ ihren Balkon mit Einjahrespflanzen, die so robust sind, dass sie auch mal ein paar Tage ohne Gießwasser auskommen. Denn es gibt ja noch diese Dienst­reisen ganz woanders hin. Und Messen. Und mehrtägige Außentermine. Und Ferien, die sie anderswo verbringt. Die Nachbarn mag sie nicht fragen, ob sie das Gießen der Pflanzen übernehmen, denn naturgemäß kennt sie sie nicht besonders gut. Und vor allem noch nicht lange.

Sie kauft sich ein Jahresabo für die städtischen Museen. Sie meldet die Wohnung am Arbeitsort als Zweitwohnung an und hat doch noch nie ein ganzes Wochenende allein darin verbracht. Vielleicht hat sie sogar einen altmodischen Festnetzanschluss mit Ortsnetzkennzahl. Auch, weil „Fest-Netz-Anschluss“ ein Wort und ein Zustand ist, der ihr gut gefällt, denn sie braucht alles drei, um klarzukommen.

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