Allgemeines & BesonderesHeimweh und Fernwärme

Liebesstau (Teil 3)

In der sechsten Woche dasselbe. Als ich mich eine halbe Stunde im Restaurant herumgedrückt habe und gerade gehen will, öffnet sich die automatische Schiebetür – und sie kommt hinein. Jetzt sehe ich, dass sie auch Beine hat, sehr schöne sogar. Sie ist nicht besonders groß, aber ihre Beine sind im Verhältnis zum Oberkörper lang und dünn und gut geformt. Sie trägt einen einfarbigen Rock, der ihr bis zum Knie geht, und darunter sehe ich schwarz bestrumpfte schlanke Waden und schmale Fes­seln. Die Schuhe sind überraschend flach. Ich hatte im Stillen etwas Hochhackiges erwartet.

Sie bemerkt mich nicht, wühlt in ihrer Handtasche und zieht ein großes Portemonnaie heraus. Dann biegt sie nach rechts Richtung Sanifair-Toiletten ab. Mein Herz rutscht mir in die Hose und klopft dort bis zum Hals.

Was soll ich denn jetzt machen?! Ich habe nicht mehr viel Zeit zum Überlegen. Jeden Moment kann sie vom Clo zurückkommen. Diese Chance bekomme ich kein zweites Mal, das ist mir klar. Ich muss sie ansprechen. Ich bin so nervös, dass mir kein Vorwand einfällt. Und erst recht kein originel­ler. Also Flucht nach vorn.

Ich stelle mich am Ausgang der Toiletten auf und tue so, als würde ich in meinem Rucksack etwas suchen. Ich senke den Blick, blinzele aber so von unten nach oben, dass ich die heraus­kommenden Leute gut sehen kann.

Da kommt sie! Sie hält den Sanifair-Wertbon in der linken Hand und fährt sich mit der rechten durch die dunkelblonden Haare. Gleich wird sie auf meiner Höhe sein.

„Ähm … entschuldigen Sie!“, bringe ich mühsam heraus, „wir kennen uns!“ Ich kann selbst hören und geradezu körperlich spüren, wie saublöd das klingt. Und meine Stimme ist irgendwie höher als sonst und zittert im Takt mit meinen feuchten Händen.

Sie schaut kurz auf und ich meine den Hauch eines Interesses oder einen Anflug von Neugier in ihren Augen zu erkennen. „Ach so?!“, sagt sie irgendwo zwischen höflich und gleichgültig. Ihre Stimme ist tiefer als ich dachte. Klingt aber schön. Ich finde es erotisch, wenn Frauen nicht solche Piepsstimmchen haben.

„Ja!“, bestätige ich eifrig, „wir haben uns vor kurzem im Stau hier auf der Autobahn getroffen.“

„Okay“, sagt sie und zuckt mit den Achseln, „na dann …!“ Und will weitergehen. Jetzt muss ich alles auf eine Karte setzen. „Hätten Sie vielleicht Lust, einen Kaffee mit mir zu trinken?“, frage ich und staune über meinen Mut. Meine Stimme hört sich gar nicht mehr so übel an. Normalerweise kann ich mit ihr immer ganz gut punkten.

„Nö, danke!“, sagt sie kurz. „Ich hab‘ keine Zeit!“

Ich muss sehr enttäuscht ausgesehen haben. Jedenfalls guckt sie mir zum ersten Mal richtig ins Gesicht und fügt hinzu: „… und meine Kinder warten im Auto.“

Mir fällt innerlich und vielleicht auch nach außen sichtbar die Kinnlade herunter. „Ihre Kinder … ähm … ach so.“ Was eine ziemlich dämliche Äußerung ist.

„Ja, genau!“, sagt sie. „Dann noch eine gute Fahrt Ihnen!“ Und weg ist sie. Die automatische Schiebetür öffnet sich mit einem Zischen, sie geht hindurch und ist verschwunden.

Ich habe nicht einmal mehr die Energie, ihr nachzugehen um zu schauen, mit welchem Auto sie unterwegs ist und ob das mit den Kindern überhaupt stimmt. Ich fühle mich wie ein prall gefüllter Luftballon, aus dem man mit einem Piekser die Luft herausgelassen hat.

Es dauert noch einige Wochen, bis ich die Strecke wieder fahren kann, ohne nach ihr Ausschau zu halten. Wenn ich die Autobahn nach ihr absuche, suche ich idiotischerweise nach einem roten Kleinwagen, obwohl ich doch weiß, dass ihr der gar nicht gehörte. Und überhaupt ist sie bestimmt eine ganz blöde Zicke, wenn man sie näher kennen lernt.

(© PG, 2017)

 

 

 

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