Ich dachte, das wäre so ein schmales Bändchen, gerade mal 160 Seiten, die ich einfach mal zwischendurch, wie ein außerhalb von richtigen Mahl- und Lesezeiten vertilgter Snack, so „einwerfen“ könnte. Also was „für den kleinen Hunger“, lecker und dabei nicht mal wirklich ungesund, wenn es Hauptmahlzeit-ersetzend und nicht noch on top käme …
Da habe ich mich wohl geirrt. Denn schon nach dem ersten Häppchen merke ich, dass „Meine Hallig Hooge“ von Jan Keith (ich hatte vermutet, das spricht man gar nicht englisch aus; ist aber nicht so: es ist ein schottisches „Kiiiss“, mit langem „i“) mehr ist als nur ein Pausensnack. Das mit dem „Häppchen“ muss ich gleich mal erklären: Das Buch ist nämlich eine Zusammenstellung von Kolumnen, die der mare-Autor seit 2008 für den Verlag schreibt. Insofern sind die einzelnen Kapitel (die mal in sich abgeschlossene Kolumnen waren, die durch den Inselbezug zusammengehalten werden) nie länger als drei Buchseiten, was mir als „Häppchen-Leser“ sehr entgegenkommt. Oft gelingt es einem ja gar nicht, ein zu rezensierendes Buch von der ersten bis zur letzten Seite durchzulesen, aber man ist es gewohnt, in Bücher hineinzuschnuppern und mit sicherem Instinkt die wichtigen und vielsagenden Passagen herauszupicken.
Das fällt mir hier besonders leicht, denn der „Anker“, den ich sofort werfen kann, ist die alles entscheidende Frage, die Jan Keith bzw. sein Verlag bereits auf der Rückseite des Buches aufwirft:
[Wo wird man auf Hooge geboren und wo begraben?] Warum entscheidet man sich zu gehen — und warum, zu bleiben?

DAS sind natürlich genau die Kardinalfragen, die mich auch hier auf meinen Blog bewegen — und insofern hat dieses Buch hier auch einen festen Ankerplatz verdient. — Ich gebe zu, dass ich zu Beginn gar nicht viel erwarte. Einen kleinen Zwischensnack, wie gesagt.
Aber obwohl ich gar kein passionierter „Inselhüpfer“ bin, werde ich sofort von einer frischen Brise eingehüllt. Das hat mit der Hoffnung auf die Kernfrage zu tun, aber … nicht nur. Schon mit Folge 1 (Dezember 2018) hat er mich an Land gezogen:

Ja, so ist das, wenn man irgendwo neu und fremd ist. Bei seinem, nach 30 Jahren dazwischen, Wiedersehen mit der winzigen Hallig Hooge nützt es Jan Keith vergleichsweise wenig, dass er schon 8x als Jugendlicher dort war und der Insel einige pubertäre Erfahrungen (mit Alkohol, Mädchen and the like) verdankt. Er ist erstmal neu und fremd.
Aber wie er sich, nach drei Jahrzehnten, der Jugenderinnerung wieder annähert und sie zugleich mit neuen Erfahrungen, Erlebnissen und Erkenntnissen anreichert, immer schön portioniert auf nicht mehr als drei Seiten, das ist, trotz steifer Nordseebrise (es war doch Nord- und nicht Ost-?!?, ich Landratten-Banause …), sehr anrührend und warmherzig. Er hat einen Blick für die (wenigen) Leute, die auf der Insel … nein!, Hallig leben, aber zugleich auch einen Blick für sich selbst und seine Entwicklung … und auf die Dinge des Lebens, die ihm wichtig sind.
Auf einmal ist das „kleine Buch“ gar nicht mehr so klein, sondern ein Mikrokosmos des Lebens … wobei … Halt! Stopp! DAS könnte doch die Antwort sein, die Jan Keith auf die o.a. großen Fragen des Lebens hier gibt, aber … das möchte ich nicht vorwegnehmen!
Ich stecke nämlich, während ich dies schreibe, noch mittendrin in diesem Buch und bin erst auf Seite 97 angelandet, beim „Neuanfang für Fortgeschrittene“ (Folge 22, Juni 2022), sodass die Antwort des Autors darauf noch aussteht … Ob sie wohl ähnlich ausfällt wie meine Vermutung?! Bevor ich, schnell noch vorm Abendessen, den „Neuanfang für Fortgeschrittene“ (Seite 97 bis Seite 99, schon klar) mitverfolge, komme ich hier zum Ende. Schließlich soll ja diese Rezension nicht länger werden als eine einzelne Kolumnenfolge von Jan Keith. Aber bevor ich das tue, möchte ich Euch noch auf die Illus von Orlando Hoetzel hinweisen, die sowohl die einzelnen Kolumnen als auch hier nun die „Kurzkapitel“ versinnbildlichen. Auf einer Hallig mit weniger als 100 Einwohnern ist eben alles … minimalistisch und aufs Wesentliche reduziert.
Jan Keith, Meine Hallig Hoge. Mit Illustrationen von Orlando Hoetzel. Hamburg: mareverlag, © 2025. 160 Seiten. ISBN: 978-86648-747-5. EUR 20,00 (Da ich ein Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten habe, für das ich mich an dieser Stelle nochmals herzlich bedanke, muss ich diese Rezension hier als Werbung kennzeichnen; es ist aber nicht als solche gemeint, sondern spiegelt meine persönliche Meinung wieder).
