Unsichtbare Pendler/innen zweiter Klasse?!

Berufsbedingtes Pendeln gilt irgendwie als chic. Schließlich ist man so wichtig, dass man am Arbeitsort unverzichtbar und unentbehrlich ist. Wer zu seiner Arbeitsstelle pendelt, kann nicht einfach »irgendwas« machen. Nein!, ein Pendler kann eben nicht zu jeder Zeit an jedem beliebigen Ort sein. Er wird vor Ort — und zwar genau dort — gebraucht. Er (oder sie) ist wichtig.

Diese Überzeugung hilft schließlich auch dem Pendler dabei, sich wichtig und unentbehrlich zu fühlen und somit die Mühen des Pendelns besser zu ertragen.

Neben all diesen wichtigen Menschen sind aber auch viele unterwegs, die wir gar nicht als Pendler/innen wahrnehmen. Sie huschen uns einfach so durch. Es sind die Pendler/innen aus Osteuropa, häufig Polen, die sich am Freitagabend  (übrigens oft nicht an jedem) in ihre Heimat durchschlagen.

Sie heißen Wladimir, Adam oder Urszula und Kryzstyna — und sie arbeiten auf dem Bau oder in der Pflege und als Haushälterinnen und Putzfrauen. Die Männer unterscheiden sich von den deutschen Berufspendlern z.B. dadurch, dass sie meist zu mehreren in schmutzigweißen Lieferwagen sitzen. Oder in Pkws älterer Bauart. Der Beifahrer oder die Männer auf dem Rücksitz dösen häufig.
Die Frauen hingegen, die am Wochenende oder in den Ferien zu ihren Familien zurückkehren, bleiben oft für uns völlig unsichtbar. Denn sie bleiben unter sich und fahren mit Reisebussen, die an Busbahnhöfen in größeren Städten starten. Seit es die Fernbuslinien gibt, haben sich die getrennten Welten ein wenig mehr vermischt. Es findet hin und wieder Sichtkontakt statt. Aber selten mehr.

Meistens huschen die unauffällig gekleideten weiblichen Pflege- und Putzkräfte in die Reisebusse mit den nach all den Jahren gemeinsamer offener Grenze immer noch fremd anmutenden Nummernschildern. An den Seiten der Busse stehen seltsame unaussprechliche Ortsnamen mit nur wenigen Vokalen und ungewöhnlichen Lautzusammensetzungen, über die man schon beim stillen Lesen mit der Zunge stolpert.

Diese gut getarnten Pendler/innen wandeln wieder in ihre ganz eigene Welt — und am Montag kehren sie unausgeschlafen in unsere Welt zurück. Den Abschiedsschmerz wischen sie sich wie Sand aus den müden Augen.

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