„Warten Sie, bis es zischt!“
Ein Nachruf auf die wahre RB 68

Es passierte plötzlich. Ohne Vorwarnung. (Naja, die Lektüre einschlägiger Literatur hätte eventuell vorwarnen können.) Doch erstmal war alles wie immer. Die sanfte Dämmerung gab nur einen schemenhaften Blick auf die Wandgemälde in der Bahnhofsunterführung frei. Es war gerade hell genug, um die Umrisse der Glasscherben vom Vorabend erahnen zu können und so zu verhindern, dass die Reise vorzeitig endet. Die vereinsamte Neonröhre an Gleis 2 unseres Provinzbahnhofes flackerte mit den dünnen Sonnenstrahlen, die ihren Weg allmorgendlich durch die dichte Wolkendecke zu brechen versuchten, um die Wette. In der Ferne krächzte ein Rabe. Dann das Unfassbare! Gespenstische Stille am Bahnsteig. Obwohl sich der weiße Punkt am linken Bildrand längst als RB 68 aus Frankfurt entpuppt hatte. Stille und die Einfahrt einer Regionalbahn. Wie konnte das zusammenpassen? Ich holte Luft. Sie war rein. Ok, nicht so porentief rein, wie damals in den 80ern durch einschlägige Werbespots suggeriert, aber immerhin kein beißender Gestank. Kein Bremsquietschen, als würde man eine Modern Talking-(Langspiel-)Platte auf 45 Umdrehungen hören. Meine Augen schweiften über dieses rot-weiße Ungetüm, dass sich da vor mir so lautlos am Bahnsteig aufgebaut hatte, und blieben an der Tür hängen. In all den Jahren zuvor hatte man zuerst einen dumpfen Schlag gehört, bevor sich die Tür nach einer gefühlten Ewigkeit öffnete. Im günstigsten Fall. Das Geräusch, das entsteht, wenn sich eine Menschenmenge panisch von innen gegen die Zugtür schmeißt, um proaktiv die „Mission Türöffnung“ zu einem guten Ende zu bringen. Denn das war längst nicht gewährleistet. „Warten Sie, bis es zischt!“ erklärte der Schaffner dann meistens entnervt. Und es zischte nur manchmal. Da war immer etwas Nervenkitzel dabei. Würde man den Zielbahnhof erreichen? Wach war man nach dem Ein- und Ausstiegsprocedere allemal. Und jetzt das! Um nicht allzu sehr in Pendler-Gewohnheiten einzugreifen, hat die Bahn immerhin einen Gimmick eingebaut: Die Nanosekunde Wartezeit, bis sich die Tür öffnet. Allerdings ohne Zischen. Und ohne Quietschen.

Ich war irritiert. Für einen kurzen Moment überlegte ich, umzukehren und mich wieder ins Bett zu legen. Was konnte dieser Tag schon bringen? Schließlich siegte die Neugier und ich beschloss, mich ins Innere dieses bombardiergefertigten Metallgehäuses mit dem stylischeren Namen Rhein-Neckar-Bahn zu wagen. Gleißendes Licht empfing mich. Alle Leuchtstoffröhren schienen intakt. Bis zur fast jungfräulich graffitilosen Sitzgelegenheit gelangte man vollständig ebenerdig. Vermutlich möchte die Deutsche Bahn auf diesem Weg nach all den Jahren der Gästeselektion durch steile Einstiegstreppen nun auch um Kinderwagen- und Rollstuhlfahrer werben. Oder gar um die Generation 70 Plus.
Am Sitzplatz angekommen, die nächste Überraschung: „Nächster Halt: Bensheim. Einstieg in Fahrtrichtung links.“ Kein Rauschen, kein Knacken. Keine dialektale Verfärbung. Die pure Sachinformation erreichte den Empfänger auf dem direkten Weg. Nur ein grün blinkender Knopf neben dem Lautsprecher, der erahnen ließ, dass die Chancen, den Zug am Wunschbahnhof zu verlassen, ohne im Anschluss den Orthopäden des Vertrauens konsultieren zu müssen, denkbar günstig standen. (Ein Umstand, der sich übrigens direkt bestätigen sollte.)
Meine Irritation wich echter Verwunderung. Dann die rettende Ansage: „Sehr geehrte Fahrgäste. Aufgrund einer Stellwerksstörung verschiebt sich die Weiterfahrt um wenige Minuten.“ Erste Schimpftiraden, hektische Smartphone-Anrufe. Da war es wieder – das authentische RB 60-Gefühl. Ein Gefühl, dass für folgende Generationen verloren gehen wird; von dem unsere Kinder und Kindeskinder nur noch aus Erzählungen und Geschichtsbüchern erfahren werden, etwa so, wie ich von der „BRAVO-Beatles-Blitztour“.
„Bist du noch mit diesem Zug gefahren?“ werden meine Kinder – ausgemachte Bahn-Fans, weil sie eine Mutter haben, die sie mit dem Auto durch die Gegend kutschiert – fragen. In ihrer Vorstellung muss meine Kindheit in etwa mit dem Untergang des römischen Reiches zusammengefallen sein.

Doch es gibt Hoffnung! Weder die Gleise sind neu, noch die Bahnmitarbeiter. Somit scheint gesichert, dass wir auch weiterhin einen nicht zu unterschätzenden Teil unserer Lebenszeit auf zugigen Bahnsteigen verbringen dürfen, die Stille unterbrochen nur von den leisen Schimpftiraden anschlussreisender Mitfahrer. Die wahre RB 68 wird trotzdem fehlen. Ruhe in Frieden, alter Kumpel!

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