Keine Ahnung, was da schon wieder los war. Jedenfalls war ich eine ziemlich lange Weile wohl irgendwie „im Tunnel“ und bin jetzt hoffnungslos zu spät dran.
Klar passe ich mich beim Rezensieren in Form und Inhalt immer ein bisschen dem Thema an, um das es gerade geht, aber: Dass ich die Identifikation mit dem Thema „Zugfahren“ so weit treibe, dass ich eine derartige Verspätung einfahre …

Egal! Ich entschuldige mich hiermit nach bester verklausuliert-vielsagender DB-Art für die mit der Verspätung verbundenen Unannehmlichkeiten – und kenne bzw. nenne dafür keine Gründe. Oder alle paar Bahnkilometer einen anderen Grund, der seriös klingt … „Verspätung aus einem voranfahrenden Zug“, „Oberleitungsschaden“, „Weichenstörung“, „Personen im Gleisbett“, […] – Die aus dem Ärmel geschüttelten, via Lautsprecher verkündeten Gründe sind vielfältig und variabel … und gefühlt häufig schlicht und ergreifend nicht wahr.

Also verkneife ich mir hier nun das Fabulieren und Umwege-Fahren und mache eine klare Durchsage: „Ich bin dann jetzt hier!“ Die Rezension über die „Züge“ ist eingetroffen, heute in umgekehrter Wagenreihung und auf Gleis … STOP! Kommen wir jetzt endlich zum Buch, denn das hat’s verdient!

Anders als in meiner Einleitung geht es hier nämlich nicht ums Bahnbashing oder gar um sentimentale Bahnromantik, sondern überwiegend um Fakten und um Technik. Schließlich haben wir es mit einem Sachbuch zu tun, und wie es sich für ein anständiges Sachbuch gehört (und dies hier *ist* eins!), wird jede Menge Faktenwissen vermittelt. Und zwar auf eine überaus ansprechende Weise. Das Layout ist hochmodern, wie die im Buch abgebildeten Hochgeschwindigkeitszüge selbst, und die Fotos/Abbildungen sehr ansprechend und „spacy“. Für mich als Sprachfan sind die mit viel Liebe zum sprachlichen Detail ausgewählten Überschriften ein zusätzliches (Reise-)Vergnügen:

Ob „Mit Volldampf voraus“ (ja, Dampfloks kommen auch vor) über „Die Notbremse. Missbrauch strafbar“ bis hin zu „Ab durch die Mitte!“ (zu Eisenbahntunnels) oder „Abenteuer Nachtzug“ ist einiges aufgeboten, und bei Themen wie dem „Nachtzug“ kommt auch die durch so viel Technik ins Hintertreffen geratene Romantik nicht zu kurz. Ich fahre auf Nachtzüge total ab (gedanklich); faktisch bin ich erst ein einziges Mal mit einem gefahren, und das ist schon sehr lange her, aber es gab tatsächlich diese unsäglichen Stockbetten – und fremde Menschen, mit denen man sich die wenigen Quadratmeter teilen musste.

Wenn ich weiter so abschweife und nicht zum Endziel komme, wundert es mich allmählich nicht mehr, warum die Bahn immer so viel Verspätung hat. Es gibt einfach so viel zu sehen und zu erzählen, beim Bahnreisen und eben auch in diesem Buch von Christian Holst.

Was ich an dem (übrigens stabilen Hardcover-)Buch noch mag, das sind die „AHA(-Effekt)“-Einklinker, die es auf einigen Doppelseiten gibt. Hier erfährt man spannende Dinge über historische Entwicklungen, technische Neuerungen oder (geplante) Knalleffekte, die entstehen können, wenn ein Zug durch einen Tunnel rast.
Dass dies ein Buch aus der bewährten WAS IST WAS-Reihe und somit ein Sachbuch für Kinder ist, merkt man gar nicht, jedenfalls, als Erwachsener, nicht im negativen Sinne. Nein, das Buch ist vielmehr im besten Sinne “All Age“ – und ich könnte mir, im Gegenteil, eher vorstellen, dass doch einige leseungeübte Kinder hier unterwegs „aussteigen“, weil sie mit den durchaus vielen Fachbegriffen, Sprachspielereien und technisch komplexen Satzkonstruktionen überfordert sein dürften. Aber auf der anderen Seite weiß ich, dass es viele Kinder gibt, die das Bahnreisen mögen und die Züge lieben – und sich über dieses Kinderreiseset, das manchmal verteilt wird, riesig freuen und mit Feuereifer kleine Plastikzüge zusammenbauen oder Vorlagen bunt ausmalen.

Also, wir sind jetzt auf den letzten Metern und rollen bald in den Hauptbahnhof ein. Dieses Buch darf mit Fug‘ und (Fahrgast-)Recht von sich behaupten, dass es zum „Einsteigen, bitte!“ einlädt – und dass man so schnell nicht wieder aussteigen möchte, wenn man sich, wie ich, für Züge und fürs Bahnreisen interessiert.

Letztens wurde ich zum ersten und hoffentlich letzten Mal in meinem Bahnvielreisenden evakuiert (!), und glaubt mir, das war nicht das reine Vergnügen! Diesem Umstand verdanke ich einen Kulanzgutschein, den ich bald einlösen muss, damit er nicht verfällt. Also, wenn ich die DB wäre, dann würde ich ein (großes, denn es passiert ja doch vieles unterwegs) Kontingent dieser schönen Bücher aufkaufen und den „Geschädigten“ zusätzlich zum Kulanzgutschein zukommen lassen, denn: Das Buch versöhnt einen wieder mit den unschönen Bahnrealitäten und zeigt die Seiten auf, die das Bahnfahren so attraktiv machen: Bequemes, schnelles Reisen in einem angenehmen Ambiente, getragen von Technologie auf höchstem Niveau. Ein (Kindheits-)Traum?!

Zum Schluss noch ein paar mehr Fakten, diesmal die „technischen Daten“ zum Buch:

Wenn man selbst ein Ticket für „Züge. Einsteigen, bitte!“ löst, kostet das mit oder ohne BahnCard 14,95 EUR. – Dass ich das Buch kulanterweise vom Verlag geschenkt bekommen habe (diese Ansage muss man ja jetzt immer machen), ändert nichts an meiner Begeisterung dafür. Wenn’s mir nicht gefallen hätte, wären mir bestimmt fantasievolle Begründungen dafür eingefallen. Ist aber nicht nötig. Dem Buch gelingt eine Punktlandung. Also: „Einsteigen, bitte!“ und selbst damit reisen!
Ich und das Team der Deutschen Bahn wünschen Dir und Euch eine gute Fahrt.