Diesen Teil vom „Himmel über Berlin“ schreibe ich, als ich schon längst wieder zurück im ländlichen Idyll meiner rauen Pflichtheimat bin.
Es ist kurz vor fünf, morning has broken, draußen fangen schon die frühen Vögel zu singen an – und damit nicht genug prasselt lautstark ein heftiges Gewitter nieder, das von sekündlichen Blitzen über Regengüsse bis hin zu ohrenbetäubenden Donnerschlägen alle Register zieht. Meine räumliche und emotionale Distanz zu Berlin könnte in diesem Moment kaum größer sein.

In einem dicken Notizbuch, das ich, halb gefüllt, eine längere Weile nicht benutzt und jetzt neu entdeckt habe, warten einige Seiten handschriftlicher Notizen auf mich, die ich nun heranziehen könnte – und vielleicht sogar müsste, weil meine Berlin-Erinnerungen zunehmend verschwimmen und konturlos ineinander suppen, aber darauf verzichte ich, zunächst, bewusst und bleibe bei dem, was mir an diesem so anderen Morgen in den Kopf kommt oder dort geblieben ist.
Am Morgen meines zweiten Tages in Berlin bin ich aus Kreuzberg, das ich noch aus einer Zeit kenne, als es nicht überwiegend, wertfrei gesagt bzw. zumindest gemeint, in orientalisch-anatolischer Hand war, herausgegangen –> Richtung touristisches Berlin. Das mit dem „Gehen“ meine ich wörtlich, denn ich habe mich entschieden, diesen Weg weitestgehend zu Fuß zurückzulegen.
Der Ku’damm, mein bald erreichtes Ziel, ist mir bei der Wiederbegegnung nach so langer Zeit ebenso vertraut wie fremd – ein Gefühl, das sich häufiger einstellt an Stellen, die ich noch von früher, aus einem anderen Leben, kenne.
Und zu früh dran bin ich heute sowieso, jedenfalls viel zu früh, um schon zum Hotel zu gehen, also überlasse ich es dem Zufall und nicht Google Maps, ob ich von der Joachimsthaler Straße aus in die richtige Richtung laufe, zumal mir ohnehin nicht klar ist in diesem Moment, was denn unter einer „richtigen Richtung“ zu verstehen sei.
Es laufen um diese Zeit des Tages viele Menschen über den Ku’damm; die meisten von ihnen sehen wie Touristen oder Reisende aus oder geben sich – etwa durch einen Rollkoffer – eindeutig als solche zu erkennen. Und die meisten der Neuankömmlinge oder Abreisenden überlassen, anders als ich, nichts dem Zufall, sondern starren beim Gehen unablässig auf ihr Smartphone, als wisse dieses besser als sie selbst, in welcher Richtung denn die einzig richtige zu finden sei.
Bevor ich am Berliner Zoo auskomme, habe ich etwa fünf Menschen gesehen, deren Leben offensichtlich auch eine andere Richtung genommen hat als die, die ihre Mütter oder sie selbst für sich einmal vorgesehen hatten.
Sie liegen auf Bänken oder mitten auf dem sog. „Bürgersteig“, für dessen sachgemäße Benutzung ihnen die bürgerliche Existenz fehlt, auf dem Boden und schlafen oder haben einfach nur die Augen geschlossen vor dem, was sie sehen und erkennen müssten, wenn sie sie offen hielten.
Einer von diesen Entrechteten liegt neben einer kleinen Parkanlage, die von einem niedrigen Mäuerchen gesäumt wird, leblos auf den Pflastersteinen. Ein einzelner, aufgrund seiner Körpergröße Respekt einflößender Security-Mann, der eine blaue Fantasieuniform trägt, rüttelt und schüttelt ihn und ruft immer wieder „Hallo! Hallo?!“ – Ich wusste gar nicht, dass selbst eine so schlichte Grußformel wie „Hallo!“ einen so schweren Akzent haben kann. Dieses lauter werdende „Hallo!“ klingt zunehmend verzweifelter und hilfloser, aber der auf dem Boden liegende Mann will einfach nicht reagieren. Der vierschrötige Security-Mann, dessen globale Herkunft ich nicht eindeutig einordnen kann, und ich wechseln einen vielsagenden Blick, der irgendwo zwischen „besorgt“ und „alarmiert“ liegt.
„Hallooo?!“
Ich möchte am liebsten ganz weit weg laufen und an diesem milden Frühsommermorgen auf dem Ku’damm in Berlin keinem toten Menschen begegnen, doch ich bleibe wie versteinert stehen.
Nach einer gefühlten Ewigkeit und zwei weiteren langgezogenen „Hallos“ bewegt sich der liegende Körper fast unmerklich; es ist nur eine leise Bewegung, die man leicht hätte übersehen können. Als der Mann die Augen öffnet, löst sich meine Erstarrung und ich kann wortlos weitergehen.
Direkt vor dem Eingang des Zoos, der von zwei großen Elefanten aus Stein eingefasst wird, errichten Aktivisten ein paar mobile Stände und hängen Plakate auf. Ich kann und will auch gar nicht sehen, worum es geht und wogegen sie protestieren oder wofür sie sich engagieren. Ich drehe um und laufe den Weg zurück, den ich gekommen bin.
Getrieben von dem Wunsch nach einem Dach über dem Kopf schlage ich nun doch den direkten Weg zum Hotel ein – eine Lobby werden sie ja wohl haben, und einen Aufbewahrungsraum für meinen lästigen Rollkoffer sicherlich auch.
Zu meiner Überraschung und Erleichterung haben sie deutlich mehr als das für mich: Der freundliche junge Mann an der Rezeption, dessen Vorname auf einem Namensschild auf einen romanischen Osteuropäer schließen lässt, übergibt mir nicht nur meine Zimmerkarte, sondern entspricht auch meinem Wunsch nach einem Zimmer möglichst weit oben und „nach hinten raus“.
*
Der Rest des Tages ist geprägt von der beruflichen Verpflichtung, die der Hauptanlass für meine Berlinreise war. Der Tagungsort ist professionell und im neutralen Sinne allgemeingültig – er könnte sich auch in einer anderen mitteleuropäischen Großstadt befinden.
Berlin zeigt sein eigenwilliges und müdes großstädtisches Gesicht erst wieder nach der Veranstaltung, als ich zu Fuß vom Tagungshotel zur Abendlocation gehe. Der Zufall hat mir einen Begleiter zugespielt: Nachdem zunächst einige Teilnehmer laut und wortreich überlegt hatten, den Weg dorthin zu Fuß zurücklegen zu wollen, ist er als Einziger außer mir übriggeblieben, und so brechen wir gemeinsam auf, zwei Menschen, die zuvor noch nie ein Wort miteinander gewechselt haben und deren Wege sich hier erstmals kreuzen, um für einen kurzen Moment parallel zu verlaufen. (Mathematisch korrekt nennt man so etwas, glaube ich, eine Sekante.)
Nun haben wir laut Google Maps etwa eine gute Stunde Zeit um nachzuholen, was wir bisher nicht versäumt hatten. Mein Begleiter erweist sich als absoluter Glücksfall. Nicht nur, dass er genau dasselbe Schritttempo hat wie ich und dabei ganz selbstverständlich das mir nicht so gut vertraute Routing mit Google Maps übernimmt, sodass ich einfach nur neben ihm her zu gehen brauche — er stellt sich auch als angenehmer und interessanter Gesprächspartner heraus, der Dinge weiß und auch erzählt, die ich wissen möchte, und zugleich interessiert wirkt an dem, was ich zu sagen habe.
Jung wie er ist, hat er noch nie von der Verhüllung des Reichstags durch Christo gehört; ich hingegen habe sie mit eigenen Augen gesehen, woran ich nach langer Zeit wieder denken muss, als wir den Reichstag, fast schon am Ende unseres Fußweges, passieren.
Auch das berüchtigte, vom Lichteinfall gebildete Todeskreuz auf der Kugel des Funkturms auf dem Ostberliner Alex ist etwas, das er noch nicht kannte und im ersten Moment auch nicht ausmachen kann. Aber wie sollte er auch, wenn er die Stadt nicht erlebt hat, als sie noch in zwei ungleiche Hälften geteilt war?!
Die stille Magie der gemeinsamen Wegstunde und somit einmal mehr “the comfort of strangers“, der mich immer wieder aufs Neue fasziniert, verfliegt in dem Moment, als wir den Veranstaltungsort erreichen; schnell sind und werden wir von anderen Besuchern absorbiert, und der leise Zauber des Augenblicks wird sich weder im weiteren Verlauf des Abends noch am nächsten Tag wieder einstellen.
Die Veranstaltung verlasse ich ein paar Stunden später gemeinsam mit einer mir eher flüchtig bekannten Branchenkollegin – und einmal mehr erlebe und entdecke ich Berlin zu Fuß. Wir nähern uns der kürzesten Nacht des Jahres, und so ist es trotz fortgeschrittener Uhrzeit noch nicht ganz dunkel; die Stadt und ihre Straßen sind in eine Art unwirkliche Dauerdämmerung gehüllt, die durch das gleißende Licht des beleuchteten Berliner Hauptbahnhofs kurz durchbrochen wird.

Der Fußweg erweist sich schließlich als länger und gegen Ende unattraktiver als gedacht, und so entschließen wir uns, den Rest der Strecke bis zum Hotel per Uber-Taxi zurückzulegen, aber nicht ohne dass zuvor über unseren Köpfen eine der berühmten rotgelben Berliner S-Bahnen vorbeigefahren wäre, mit gelblich beleuchteten Fenstern und über eine dunkelrote Backstein-Brücke rumpelnd. Bevor wir ins Taxi steigen, erfahre und erlebe ich noch, dass Dope nach Marderpisse riecht, was ich zwar getrennt voneinander, aber bisher noch nicht in dieser Kombination gewusst hatte.

Zurück in meinem kleinen Hotelzimmer, dessen Fensterflügel fast die gesamte Breite des Zimmers ausmachen, ziehe ich die bodenlangen Vorhänge zu, die zufällig oder schicksalshaft meine Lieblingsfarbe haben. Ich sitze auf dem noch unbenutzten Bett, klappe mein Laptop auf und schreibe eine Mail, die ich schon lange hatte schreiben wollen.
Berlin ist abscheulich und wunderschön zugleich – und wahrscheinlich gerade deshalb so faszinierend.
Für die abscheuliche Seite hat die englische Sprache, die häufig ein treffenderes Wort als die deutsche findet, den Betriff “atrocities“ erdacht. – Ja, genau so ist es! Berlin ist eine “Atro-City“, die mich ebenso magisch anzieht, wie sie mich im nächsten Moment auch wieder wie ein falsch gepolter Magnet abstößt. Und gerade deshalb werde ich wiederkommen!
Berlin, I’ll be right back. Du bist noch nicht auserzählt.
Und jetzt, erst jetzt, schaue ich meine handschriftlichen Notizen an und vergleiche sie mit denen meiner Erinnerung.
