Es muss in einem dieser unsäglichen Corona-Jahre gewesen sein, als ich auf dieses Buch aufmerksam wurde. Im Fernsehen wurde auf einem Kulturkanal davon berichtet. Natürlich hat mich – mit Blick auf das „Lebensthema“ dieses Blogs – der Titel „Heimat“ gleich “gecatcht“; es war wohl weniger der Untertitel „Ein deutsches Familienalbum“.
Das Buch ist aber schon etwas älter als Corona; es wurde 2018 im Penguin Verlag herausgebracht – die 4. Auflage, die mir der Verlag freundlicherweise zum Rezensieren zur Verfügung gestellt hat, spricht für den Erfolg des Buches. Es geht nicht nur um die Gegenwart der deutschstämmigen und heute in Brooklyn, New York lebenden Nora Krug, sondern vor allem um die Geschichte ihrer Familie während des Zweiten Weltkriegs.

Dieses „Familienalbum“ ist natürlich kein Fotoalbum im klassischen Sinne. Es ist aber auch kein Roman. Es ist irgendwie von allem etwas: „Eine faszinierende Spurensuche in handgeschriebenen Texten und Zeichnungen, historischen Fotografien und Dokumenten“, so wird es im „Klappentext“ auf der Rückseite zusammengefasst. Ursula März von der ZEIT hat es so ausgedrückt: „Hier erfindet ein Buch seine eigene Gattung.“
Eben dies ist, finde ich zumindest, Fluch und Segen des Buches zugleich. Die Mischung, zu der auch selbstgezeichnete Comics gehören, ist spannend und ungewöhnlich, macht das Werk aber auch fremd und, so ging es mir jedenfalls, ein Stück weit unzugänglich.

Soll ich das jetzt von vorne bis hinten lesen bzw. angucken oder einfach nur durchblättern und hier und da hängenbleiben?! – Nicht zuletzt die Unzugänglichkeit und Schwere des Themas hat dazu geführt, dass das Buch jetzt jahrelang bei mir herumlag und ich es ein paar Mal von A nach B und wieder zurück geräumt habe. Und zwischendurch hatte ich es ehrlich gesagt auch komplett vergessen.
Nun habe ich es wieder „ausgegraben“. So, wie man in einer Kiste alte Fotos und Briefe findet, die man längst aus den Augen und aus dem Sinn verloren hatte. Ich schlage das inzwischen tatsächlich leicht vergilbte (und das liegt nicht nur an dessen Vintage-Look) Buchalbum auf – und es geht mir genauso wie bei der Erstbegegnung. Ich finde das Buch (fast schon ein Faksimile) interessant und ungewöhnlich, aber auch jetzt wieder keinen Zugang dazu. Nein!, diesmal lege ich es nicht wieder beiseite. Diesmal kämpfe ich mich hinein und da durch.
Auch diesmal schaue und lese ich kursorisch, aber immerhin bleibe ich hier und da stecken, gewöhne mich an diese neue Form und Gattung und lese und gucke mich ein bisschen fest.

Ob der Knoten noch platzt und sich mir dieses historisch-sentimentale Album eröffnet und erschließt?! – Kann ich noch nicht mit Sicherheit sagen, aber: Den zweiten Versuch ist es allemal wert.
Nora Krug, Heimat. Ein deutsches Familienalbum. München, Penguin Verlag, 42018, ISBN: 978-3-328-10707-3, EUR 20,–, für … da dieses eigenwillige Buch noch nicht einmal paginiert ist, kann ich gar nicht sagen, wie viele Seiten es hat …
