Ich bin eine Meisterin im Schonen, Bewahren, Nicht-Anbrechen. Jetzt könnte man meinen, dass ich sehr ordentlich oder geradezu pedantisch bin. Ist aber nicht so. Mein Schonen, Bewahren und Nicht-Anbrechen funktioniert sehr selektiv und begrenzt auf ganz bestimmte Dinge.
Als Kind bekam ich jedes Jahr zum Geburtstag 100 Mark von meiner Oma. Da sie woanders wohnte als ich, schickte sie den großen blauen Schein mit einem würdig aussehenden Herrn mit Kopfbedeckung drauf per Post, in einem länglichen Kuvert, das mit ihrer auffällig-ausladenden Schrift beschriftet war, eine Schrift, die ich noch heute unter Hunderten erkennen würde. Tatsächlich konnte man „früher“ noch einfach so einen Geldschein in einen adressierten Umschlag stecken, diesen zukleben, eine angeleckte Briefmarke draufmachen und das Ganze unbesorgt in einen der vielen gelben Briefkästen schmeißen, die überall herumstanden. Er kam immer an.
Heute wäre das so nicht mehr möglich. Zu groß wäre die Gefahr oder auch schlicht nur die Sorge, dass jemand Unbefugtes (und sei dies der Postbote selbst) den Geldschein erfühlen oder erahnen und den ganzen Brief mitsamt dem blauen Schein darin verschwinden lassen könnte. — So ein großer blauer Schein war ziemlich viel für ein Kind wie mich. Meine Oma achtete stets darauf, dass es sich auch wirklich um einen 100-Mark-Schein handelte – und nicht etwa um zwei 50-Mark-Scheine.
Hätte sie den Betrag und dessen Wert in kleinere Teile aufgesplittet, wäre mein Leben leichter gewesen. Denn nur den einen von zwei 50-Mark-Scheinen, den hätte ich vielleicht bedenkenlos ins Portemonnaie stecken und bei passender Gelegenheit ausgeben können. Aber so ein 100-Mark-Schein als Ganzes, in diesem unverwechselbaren Blau, stellte mich jedes Jahr aufs Neue vor große Hürden. Es dauerte ewig, bis ich den Zeitpunkt für gekommen ansah, den Hundertmarkschein *anzubrechen*. Ja, so hieß das. Ein Geldschein wurde „angebrochen“, ähnlich wie man irgendwann in einem schwachen Moment die 100-Gramm-Tafel „Feine Schokolade“ anbrach, die man zuvor wochenlang gehortet und „(auf)bewahrt“ hatte.
Warum ich das alles erzähle?! – Weil das Buch, um das es heute hier geht, auch so ein Wertstück war, das ich wochenlang nicht angebrochen habe. Nein, das stimmt nicht ganz. Nicht „wochenlang“, sondern monatelang … und zwar so viele davon, dass es in Richtung anderthalb Jahre gehen könnte.
Damit nicht genug habe ich das Buch nicht ein einziges Mal aufgeschlagen, sondern, der Versuchung widerstehend, in der Einschweißfolie belassen.

Vielleicht ahnte ich schon, als ich es zum Rezensieren als Leseexemplar erhielt (und damit ist nun auch der obligatorischen „Anzeigepflicht“ Genüge getan), dass dieses Buch – dramatisch gesagt – „mein Leben verändern“ könnte. Denn: Einen „Raum zum Schreiben“, den suche auch ich schon sehr lange. Eigentlich schon, seit ich überhaupt als etwa Vierjährige Mit-der-Hand-Schreiben gelernt und mit dem Texte-Schreiben begonnen habe.
Nun hat es mir, seit ich in der Schule war, an einem eigenen Zimmer nicht gefehlt. Ich hatte eins, wenn auch ein kleines, das sogar so eingerichtet war, wie ich es mir selbst gewünscht hatte. Der helle Holzimitat-Schreibtisch, der vordringlich zum Hausaufgabenmachen gedacht war, stand direkt am Fenster – und wenn ich aus der Wohnung im 1. Stock die halblangen Vorhänge in meinem „Reich“ zurückzog, konnte ich auf den abschüssigen, mit sauber gemähtem Gras bewachsenen Hang hinter dem Haus gucken, in dem ich aufgewachsen bin.
Die Einschweißfolie entfernt habe ich aber erstmal nicht. Allerdings genügte schon der Klappentext auf dem Rücken des Buches, um mich nervös zu machen und angespannt zu werden:

… und heute war es so weit. Wir schreiben den 06.06. Es ist Frühsommer, wenn auch noch nicht meteorologisch oder kalendarisch.
Aus privaten und persönlichen Gründen, die eine zweistellige Zahl an Jahren zurückliegen, ist dieser Tag für mich sehr bedeutsam. Seit einigen Tagen habe ich den Raum, in dem ich jetzt, als Erwachsene, meine bezahlten „Hausaufgaben“ mache, aufgeräumt, ausgemistet und geputzt, als gäbe es kein Morgen. Ich habe zwei Füllungen Papiermüll in den Container geworfen und noch einen großen Pappkarton mit sorgfältig durchgerissenen Papieren gefüllt. Der Pappkarton wartet noch darauf, weggebracht und weggeworfen zu werden, mit Stumpf und Stiel.
Und plötzlich wird mir klar: Ich habe ihn gefunden, meinen „Raum zum Schreiben“! Er war die ganze Zeit ganz nah bei und direkt vor mir, aber … ich konnte ihn vor lauter Ballast und Pflichtlektüre und Auftragsarbeiten nicht als solchen erkennen. Aber es war nicht nur der (physische) Raum zum Schreiben, der mir gefehlt hat, sondern auch eine weitere Dimension, die der Zeit.
Dass ich eine „Schriftstellerin“ oder „Autorin“ sei, würde ich nicht wagen zu behaupten. Dazu fehlt mir so etwas Wesentliches wie ein Verlag und das Publikum. Aber eine andere tut dies für mich: Das ist Kristin Valla, eine mir bis dato unbekannte norwegische Schriftstellerin, die das Buch „Ein Raum zum Schreiben“ verfasst hat. Auch ihr haben viel zu lange Raum und Zeit zum Schreiben gefehlt, doch sie hat beides gefunden – und musste dafür weit weg von Norwegen allein nach Frankreich ziehen. Aber immerhin hat dies für sie dazu geführt, dass ihr Buch nun hübsch gebunden und erschienen bei einem so wunderbaren Verlag wie mare vor mir liegt. Erst vor wenigen Minuten habe ich mit dem Lesen angefangen – und schon ragt das Lesebändchen an einer Stelle heraus, die etwa ein Viertel des Buches als gelesen markiert.

Mit einem pastellfarbenen Leuchtmarker in einer ähnlichen Farbe wie die des Einbands habe ich wichtige Stellen markiert – und ich ahne … nein, weiß … jetzt schon, dass mich dieses Buch nicht kalt lassen wird.
Dies ist also erst der oder ein Anfang. Die Folie ist ab und liegt noch im Gelben Plastikmüll. Das Buch und die Nacht ist „angebrochen“. Und wenn ich es und vielleicht auch mich selbst ganz „ausgegeben“ habe, melde ich mich mit der eigentlichen Rezension.
Eine Empfehlung wird es sicherlich werden, eher noch eine Offenbarung.
Kristin Valla, Ein Raum zum Schreiben. Aus dem Norwegischen übersetzt von Gabriele Haefs. Originaltitel „Egne Steder“. Hamburg: mareverlag GmbH & Co. OHG, © 2025. 1. Auflage 2025. ISBN 978-3-86648-737-6. EUR 25,–
