Viel zu lange war ich nicht mehr in Berlin. Nicht, dass ich es vermisst hätte, aber früher war ich häufiger dort, manchmal mehrmals im Jahr, vorzugsweise im Winter, zur „Berlinale“. Es wurde einfach mal wieder Zeit, und als sich die Gelegenheit jetzt ergab, habe ich sie zum Anlass genommen.

Wann ich das letzte Mal da war?! Ich bin mir nicht ganz sicher. Es muss fast acht, vielleicht sogar zehn Jahre her sein. Mittlerweile muss man ja geschätzte Zeitangaben mindestens mal verdoppeln, damit sie ansatzweise hinkommen. Also … vor zehn Jahren.

Obwohl zehn Jahre räumlicher, zeitlicher und emotionaler Abstand gar nicht mal so wenig sind, stellt sich beim Aussteigen am Hauptbahnhof (den es früher gar nicht gab) schnell mein typisches Berlin-Gefühl ein: Ich komme zwar aus einer Großstadt, aber kaum habe ich Berliner Gebiet betreten, fühle ich mich von jetzt auf gleich wie ein rückständiges Landei.

Das muss an den vielen Komparativen und Superlativen liegen, die Berlin im Vergleich zu anderen deutschen Großstädten mehr ausmachen als auszeichnen. Breitere Straßen, höhere Häuser, schöne und scheußliche Ecken und Kanten und eine Rauheit, die ihresgleichen sucht.

Dazu noch mehr Migranten, mehr Obdachlose, mehr Graffitis, mehr dunkle Ecken und Farben im sog. „Stadtbild“* als anderswo. Mehr Kopftücher, Kaftans, Kippas, Kräne, Kaputte, … Kreuzberg scheint an jeder Ecke präsent. Von allem gibt es in Berlin mehr, und alles fällt heftiger, krasser, kaputter, … aus als sonstwo in Deutschland.

An anderen Stellen zeigt Berlin seine Showseite, zum Beispiel am Pariser Vorzeigeplatz, wo das abends beleuchtete Brandenburger Tor zeigt, was es heute kann und nicht mehr ist, seit die Mauer fiel. Wer sie nie gesehen hat, kann sich kaum vorstellen, dass sie an der Schnittstelle Brandenburger Tor die lange Allee in zwei zertrennliche Hälften geteilt hat. Im Westen „Straße des 17. Juni“ genannt, im Osten „Unter den Linden“, eine weiter und pompöser als die andere.

Berlin ist auch diesmal wieder spannend und abschreckend, anregend und abscheulich zugleich … oder zumindest auf engstem Raum und dicht beieinander. Meine Unterkunft für die erste Nacht ist eindeutig die Kategorie „abscheulich“. Es handelt sich um eine abgewohnte Erdgeschosswohnung in einem heruntergekommenen Hochhauswohnblock, der außen wie innen mit dilettantischen Graffitis und politischen Parolen in verschiedenen Sprachen und Anliegen überzogen ist. Von „Frei Gaza“ über „Fuck AfD“ bis hin zu „No tourists“ ist alles dabei, was auf eine graue Wand oder Betonplatte passt. Wo die Wände nicht gereicht haben, mussten die beiden Fahrstühle herhalten. Auch sie sind beschmiert bis zur Decke, aber erstaunlicherweise geruchsarm. Aus der Haustür kommen Menschen aller Nationen, Altersgruppen, Religionen und Ethnien. Ein etwa siebenjähriges Mädchen trägt ein langes grün-weiß-rotes Kleid und schwingt gespenstisch wortlos eine große Palästineserflagge, mit der sie mich begrüßt in diesem Parallel- oder vielleicht sogar Contra-Universum, einem Gegenentwurf zu der bürgerlichen Gemütlichkeit der Gründerzeitvillen, die in unmittelbarer Nähe dieser 1970er-Jahre-Bausünde stehen und so aussehen, als könnten sie nicht fassen, was da neben ihnen errichtet wurde, um es dann achtlos dem Verfall preiszugeben.

Der Himmel über Berlin ist hier verhangen, und die wenigen blauen Stellen erscheinen seltsam getrübt. Der Wohnungsschlüssel wird mir nicht persönlich übergeben, sondern muss nach Eingabe eines fünfstelligen Codes an einem Gewinde, das aussieht wie ein altes Fahrradzahlenschloss, aus einer windschiefen Box entnommen werden. Zutritt zu der Wohnung bekommt man nicht etwa durch eine Wohnungstür, sondern über eine von schweren roten Vorhängen verhüllte Balkontür, was später dem Sicherheitsgefühl im Inneren nicht zuträglich sein wird.