Als ich diese Geschichte hörte, musste ich sofort an diesen Fillm denken. Aber ich kam zunächst nicht darauf, wie er heißt – und auch nicht auf den Namen der Titelgeberin und Hauptdarstellerin. Aber irgendetwas schwante mir sofort.
Irgendjemand, nämlich diese noch namenlose weibliche Person (Anfang/Mitte 30), steckte fest. Das wusste ich noch genau. Und natürlich hatte ich auch die Doppeldeutigkeit von „feststecken“ nicht vergessen. Da „steckt“ also jemand „fest“. Und wo genau kann man feststecken?! Da sind natürlich einige Interpretationen möglich. Im Stau zum Beispiel. Aber hier geht es tatsächlich, naheliegend, um einen Aufzug, in dem die Frau steckenbleibt. Aber natürlich ist das sinnbildlich gemeint. Sie steckt und hängt auch fest im eigenen Leben … und kommt darin nicht vor und nicht zurück. Wie es das Steckenbleiben halt so mit sich bringt und an sich hat.
Während ich über das Steckenbleiben nachdenke und Parallelen zum eigenen Leben ziehe, fällt mir plötzlich der Vorname der Steckengebliebenen ein … Genau! Es war ein altmodischer Name. Und davon die Koseform. Hedwig, also Hedi. Die steckt also fest, in diesem Film, im Aufzug und im eigenen Leben. Womit wir schon eine Etage weiter wären.
Sobald mir der Vorname wieder eingefallen ist, habe ich auch die Person Hedi wieder klar vor Augen. Also, die Schauspielerin, die hier die steckengebliebene Hedi verkörpert. Ich kenne sie. Aber ihr Name will mir einfach nicht einfallen.
Was mir stattdessen einfällt, das ist der nahezu vollständige Titel des Films: „Hedi [Nachname] steckt fest“.
Kennen Sie den Film?! Dann dürfen Sie jetzt mal kurz überlegen, ob Sie auch Hedis Nachnamen noch wissen. Der ist mir nämlich, ebenso wie der Name der Schauspielerin, unterwegs zwischen den Stockwerken abhandengekommen. Ich warte jetzt noch einen kleinen Moment, zermartere mir das Hirn, und wenn mir die beiden Nachnamen – oder wenigstens einer davon – nicht in … na, sagen wir: fünf Minuten … einfällt, dann google ich.
Die Erinnerungsversatzstücke kehren zurück. Jetzt weiß ich’s wieder. Es ist ein total normaler Nachname. Also, der von Hedi. Irgendwas wie Schmidt oder Schulz … ich bin mir zunehmend sicher, dass er mit Sch- beginnt. „Hedi Sch- steckt fest“ … „Hedi Sch- steckt …“, nein, Schulz war es definitiv nicht. Doch eher Schmidt …
Jetzt schwant es mir … ich warte noch einen Wimperschlag … und dann weiß ich, dass diese Hedwig mit Nachnamen Schneider heißt. Wie zum Beweis sage ich mir nun ein paar Mal den vollständigen Titel laut vor: „Hedi Schneider steckt fest.“, „Hedi Schneider steckt fest.“, „Hedi Schneider steckt—“.
Noch bevor ich den Satz vollenden kann, ist plötzlich der Name der Schauspielerin wieder da. Aus dem Nichts. Und nicht stückweise, sondern gleich komplett: Es ist … Laura Tonke. Und man hätte niemand Besseres für die Rolle dieser steckengebliebenen Hedi finden können. Laura Tonke ist die Idealbesetzung. Sie ist verhuscht und vom Leben enttäuscht genug um eine oder sogar diese Hedi Schneider zu sein. Zumindest kauft man ihr die unschlüssige Hedi ab.
So, und kaum sind die beiden Identitäten geklärt, kommen mir auch immer mehr Details der Handlung in den Kopf, und die geht so:

Danke, Wikipedia! Das mit der Norwegen-Reise hatte ich nicht mehr gewusst, und da wäre ich auch mit noch länger Sinnieren nicht mehr draufgekommen. – Und ich überlege, wie der Film denn ausging. Wenn Wikipedia nach „Norwegen“ einen Punkt setzt, dann handelt es sich vermutlich um ein offenes Ende. Das Paar hockt nun im Norden Europas fest und sucht nach den richtigen -wegen, um aus der Sackgasse wieder herauszufinden. Ich habe da eine Prognose, aber … das sag‘ ich jetzt mal nicht laut.
Was ich aber laut sage, das ist die eigentliche (wahre) Geschichte (übrigens, das nehme ich vorweg, auch eine ohne [happing] ending), die mir diese ganze Aufzug-bleibt-stecken-Grübelei und diesen gedanklichen Umweg überhaupt eingebrockt hat.
Vor kurzem erzählte mir eine Bekannte, die ich für durchaus „noch ganz fix halte“, dass sie in einer heißen Sommernacht – es war so etwa die siebte von acht ungewöhnlich heißen Frühsommernächten – ihre aufgeheizte Wohnung in einer ebenso aufgeheizten Großstadt am frühen Abend spontan verließ um sich in einem nahegelegenen naturnahen Hotel einzuquartieren. Ganz spontan war es dann doch nicht, denn zuvor hatte sie sich anhand der Homepage und eines Anrufs vergewissert, dass in diesem Hotel alle Zimmer über eine Klimaanlage verfügen.
Auf der Flucht vor sich selbst und vor der unerträglichen Hitze bezog die weibliche Person mittleren Alters also ein wohltemperiertes Zimmer im Hotel, während die eigene Wohnung weiterhin, alleingelassen und verlassen, vor sich hin schwitzte.
Als sie in der pompösen Hotellobby an der heruntergekühlten Rezeption eincheckte, meinte sie im Gesicht der grell geschminkten Rezeptionistin einen fragenden Blick zu erkennen, als sie ihren Namen und vor allem ihre Adresse eintrug. Die ersten beiden Ziffern ihrer Postleitzahl sind nämlich dieselben wie die des Hotels – und die Ortsnetzkennzahl ist sogar exakt dieselbe. Aber dann tröstete sie der Gedanke, dass Hotelfachangestellte vermutlich schon Ungewöhnlicheres gesehen haben – und dass sie vor allem mindestens so sehr der Schweigepflicht unterliegen wie Ärzte und Rechtsanwälte.
Ihr Zimmer lag im obersten von fünf Stockwerken, und als sie mit dem ebenfalls wohlklimatisierten Aufzug allein nach oben glitt, musste auch sie an Hedi Schneider denken und ein wenig lächeln. ,Was wäre wohl‘, schoss ihr durch den Kopf, ,wenn ich jetzt, wie Hedi, hier steckenbliebe?!‘ – Den Gedanken schob sie schnell wieder beiseite, als ihr klar wurde, dass dies wohl sehr unspektakulär ablaufen würde, denn ein – gut besuchtes – Hotel ist ja doch etwas anderes als ein leeres Bürogebäude wie das, in dem Hedi sich befand, als der Fahrstuhl stehen blieb. Also kein Grund für Existenzängste. Der Fahrstuhl schwebte nahezu lautlos hoch in den fünften Stock, die Tür öffnete sich ebenfalls fast geräuschlos und … spätestens jetzt ist wohl der Moment gekommen, wo „sie“ sich nicht mehr hinter Hedi und hinter ihrer eigenen Anonymität verstecken konnte, sondern einen Namen brauchte. – Stellen Sie sich irgendeinen mediterranen Frauennamen vor, der Ihnen als Erstes in den Sinn kommt. Bei mir war das – Gianna. Nun ist Gianna allerdings strohblond, mit Tendenz ins Rötliche, und sie hat stahlblaue Augen. Nordischer könnte man kaum aussehen. Ihre Eltern hatten aber trotz der Ahnung, dass dies so kommen könnte, auf „Gianna“ bestanden, eine Laune der Natur oder eine lebenslange Reminiszenz an Giannas Entstehungsort. Mit Nachnamen heißt Gianna allerdings Hanke, also fast Tonke, was Ihnen natürlich auch ohne diesen Hinweis nicht entgangen wäre.
Gianna ist sich der Tatsache, dass ihr Vor- und Nachname komplementär sind, vollkommen bewusst und muss das auch nicht jedem erklären. Außerdem ist sie sich darüber im Klaren, dass sie entgegen ihrer tatsächlichen Herkunft „Nordic by nature“ ist. So sehr, dass sie vermutlich selbst manchmal glaubt, sie sei in Hamburg oder an der Noordzeeküste geboren, und nicht in dieser sauerländischen Kleinstand, aus der sie in Wirklichkeit kommt. Als ich sie kennenlernte, hatte ich, ungefragt, nicht den Schatten eines Zweifels, dass Gianna zwar nicht aus dem Land anderer Giannas kommt, aber zweifellos aus dem Norden (der Republik oder sogar noch höher hinaus).
Giannas Weg nach Norwegen ist also innerlich kein weiter. Sie zieht die Magnetkarte durch den Schlitz an der Tür, eine kleine LED-Lampe leuchtet kurz grün auf, und die Tür mit der Zimmernummer 528 lässt sich öffnen. Noch bevor Gianna ihre lederne One-Night-Reisetasche auf dem glattgezogenen Doppelbett ablegt, überprüft sie die klimatischen Verhältnisse. Ja, alles in Ordnung! Die Klimaanlage funktioniert, und sie dreht den Temperaturregler noch ein, zwei Grad nach links, dorthin, wo es kälter wird. Erst dann beschleicht sie ganz kurz ein seltsames Gefühl, das sie sich fragen lässt, was sie denn eigentlich hier wolle und mache. Als sie kurz das Fenster ihres modernen, aber gesichtslosen Fensters öffnet, fällt es ihr schlagartig wieder ein. Diese Hitze, diese mörderische Hitze! Schnell schließt sie das Fenster wieder und sieht auf die Uhr.
Obwohl sie weder Hunger noch Durst verspürt, nimmt sie ihre kleine Handtasche aus der Reisetasche und verlässt das Zimmer.
Die Hotelbar ist um diese Zeit noch nicht geöffnet, aber unten in der klimatisierten Hotellobby gibt es, neben ein paar Stühlen und Tischen, an denen niemand sitzt, eine kleine Theke mit drei Barhockern, gleich neben der Rezeption. In Abwesenheit eines One-Night-Stands, den sie aber keine Sekunde vermisst oder erhofft, hat Gianna nun ein Date mit sich selbst. Sie trifft sich an der Theke, setzt sich auf den mittleren der drei Barhocker und lässt die Füße baumeln. Keine Minute sitzt sie dort, kommt auch schon ein Hotelangestellter, der wohl Rezeptionist und Kellner in einer Person ist.
Der eingravierte Name auf seinem Metallnamensschild lässt vermuten, dass er tatsächlich aus dem Land kommt, dem Gianna ihren Vornamen verdankt.
Sie verzichtet nach kurzem Zögern auf die billigen Punkte, den Keeper der kleinen Thekenbar darauf anzusprechen und bestellt einen Gin Tonic, „gern gut gekühlt“. Dieser wird umgehend für sie zubereitet, und einen Moment später steht er, auf einer Papierserviette in der dunkelblauen Farbe der Corporate Identity der Hotelkette, vor ihr auf der Theke. Wahrscheinlich hat Gianna noch nie zuvor in ihrem Leben einen Gin Tonic (oder ein anderes alkoholisches Getränk) so schnell heruntergeschüttet wie dieses. Der Barkeeper muss ein wenig grinsen; es ist eigentlich nur die Andeutung eines Lächelns, das seine Mundwinkel umspielt, so unmerklich, dass es auch Einbildung gewesen sein kann.
„Noch einen?“, fragt er in einem Akzent, der nun keinen Zweifel mehr daran lässt, dass er aus Giannas Erzeugerland stammt. Darüber hinaus ist sein Tonfall und seine Miene ausdruckslos.
„Ja, bitte!“, antwortet Gianna, und die Dinge nehmen ihren Lauf.
Als der dritte Gin Tonic noch nicht angetrunken vor ihr steht, muss Gianna plötzlich wieder darüber nachdenken, wie seltsam doch diese Situation ist. Nur wenige Kilometer von hier liegt ihre leere und verschwitzte Wohnung in einem besonders großstädtischen Viertel der Großstadt, in der sie seit ein paar Jahren lebt und arbeitet.
Sie führt auch das dritte Glas zum Mund und überlegt, wohin sie dieser seltsame Abend und dieses Leben noch führen wird. Aber sie ahnt selbst noch nicht, wo ihr Nor-Way endet und was sie unterwegs dorthin noch erwartet. Sobald sie es weiß – und falls sie es mir erzählt oder ich es mitbekomme – werde ich es Ihnen, ihr Einverständnis vorausgesetzt, erzählen, versprochen.
Für heute aber ist die Mission erfüllt und das Ziel erreicht. Nicht mehr ganz so trittfest und gangsicher, wie sie gekommen ist, rutscht Gianna vom Barhocker.
„Darf ich’s aufs Zimmer schreiben?“, fragt der mediterrane Barkeeper mit einem milden Lächeln.
„Ja, bitte!“, antwortet Gianna wieder und muss kurz daran denken, dass ihr Gegenüber nun wohl davon ausgeht, dass „Ja, bitte!“ die einzigen Wörter sind, die sie aussprechen kann.
Das nutzt er aber nicht aus, sondern wünscht ihr noch professionell freundlich „einen schönen Abend“.
Den hat sie zwar nicht mehr, aber als sie – auch diesmal ohne dass der Aufzug Anstalten macht steckenzubleiben – ihr Zimmer mit der Nr. 528 im fünften Stock erreicht, ist es in dem Raum inzwischen so abgekühlt, dass sie die Temperatur sogar ein wenig hochdreht, bevor sie, komplett angezogen, bei laufendem und flimmerndem Fernseher und neben ihrer One-Night-Tasche liegend, in einen tiefen, traumlosen Schlaf fällt.
Mit Erlaubnis von Gianna basierend auf einer wahren Begebenheit aufgegriffen, ausgeschmückt und weitergesponnen von Der Passagierin © 2026
